Die große Auflösung – Innehalten, Teil I

Foto: Bruce Fertman

Vor langer Zeit, nach einem Workshop in Zürich, fragte mich jemand, was ich unter Innehalten (manchmal auch als Inhibieren bezeichnet) in der Alexander-Technik verstehe. Und ich gab meine Definition. Im Anschluss regte Doris Dietchy – Alexander-Lehrerin und ein kluger Mensch – ganz behutsam an, es wäre wichtig, offen zu bleiben, wie sich die eigene Sicht auf das Innehalten im Laufe des Lebens verändere. Damals war ich allerdings anmaßend genug, mir einzubilden, ich hätte die immergültige Definition gefunden. Natürlich behielt Doris Recht und ich hatte, zum Glück, Unrecht.

Fast jeder versteht die grundsätzliche Idee, dass Innehalten in der Alexander-Technik mit halt machen, aussetzen, pausieren zu tun hat, ein Moment, um die eigenen inneren Richtungen in Gang zu bekommen, um sich selbst vom Geschehen zu lösen und sich zu sammeln. Das ist ein Anfang. Und es ist eine Falle. Anfänger entwickeln die Gewohnheit, ihre Aktivität zu unterbrechen, um eine ganze Litanei von Wörtern zu denken – mit wenig tatsächlicher Veränderung, also ohne dass besonders viel Innehalten geschieht. Das war auch bei mir so.

Dann begreifen einige Schüler, dass Innehalten in der Alexander-Technik nicht Stoppen einer Tätigkeit bedeutet; es bedeutet Stoppen der gewohnheitsmäßigen Art und Weise, die Tätigkeit auszuführen während ich die Tätigkeit ausführe. Das verändert alles. Der Schüler versteht, dass das Anhalten der Tätigkeit manchmal als pädagogischer Behelf dient, manchmal notwendig ist, um eine konstruktive Des-Integration der eigenen gewohnheitsmäßigen Seinsweise zu erleichtern und eine Re-Integration eines tieferen Seins. Aber an sich, bietet das Unterbrechen einer Tätigkeit keine Garantie, dass eine tiefgreifende neurologische Umstellung im eigenen Körper stattfindet.

Marj Barstow sagte einst zu mir, als wir wieder mal im Auto zu einem Einführungs-Workshop unterwegs waren:

„Bruce, das ist so: Wir fahren hier diese Straße entlang. Du ordnest dich auf die linke Spur ein, um abzubiegen, weil du glaubst, das ist der richtige Weg zum Ziel. Doch dann merkst du plötzlich beim Fahren, es ist nicht der richtige Weg. Also drehst du ganz behutsam du das Lenkrad ein kleines bisschen – Servolenkung – und schon geht’s in die Richtung, die dich dahin führt, wo du hin willst und wo du außerdem ein bisschen Benzin sparst. Es ist tatsächlich so einfach. Du kannst nicht gleichzeitig in zwei Richtungen unterwegs sein. Du musst erst nicht in die Richtung, abbiegen von der du dachtest, es sei die richtige, bevor du in die Richtung kannst, die du jetzt für die bessere auf deiner Route hältst. Das sagt schon der gesunde Menschenverstand. Wenn du aber falsch abbiegst, wirst du dich vielleicht richtig gründlich verfahren und wirst am Straßenrand anhalten müssen, den Motor ausschalten, deine Karte hervorholen und erstmal herausfinden, wo du überhaupt bist. Denn wie willst du ans Ziel kommen, wenn du nicht den blassesten Schimmer hast, wo du hinfährst. Geht nicht. Wahrscheinlich wirst du nur im Kreis fahren. Das passiert mit uns. Wenn du keine Karte hast, keine verlässliche Karte, dann musst du dich auf jemand verlassen, der die Gegend besser kennt als du und ein bisschen Hilfe in Anspruch nehmen. Das ist jetzt ein vereinfachtes Beispiel, aber so funktioniert das.“

Marj war voller praktischer Weisheit. Ihre Deutung von Innehalten ist für mich immer noch sehr sinnvoll und funktioniert. Dennoch beginne ich Innehalten in einer tieferen Dimension zu erfahren. Buzz Gummere – 30 Jahre lang mein Mentor, der selbst bei Unterricht bei John Dewey, F.M. und A.R. Alexander, Marj hatte und ein wirklich bescheidener, brillanter Typ war, erzählte mir mal, was ihm Alexander über Inhibieren auf neurochemischer Ebene* erklärte. Alexander sagte:

„Wenn wir in der Klemme stecken, feuern die erregenden (exitatorischen) Nervenzellen und die hemmenden (inhibitorischen) Nervenzellen. Und wenn es hart auf hart kommt, gewinnen immer die erregenden und wir kommen in Teufels Küche. Sogar in Kriege. Und genau das ist die Crux. Und wenn die inhibierenden verlieren, verlieren wir. Jeder verliert. So ist das.“

Ein paar Kriege mitzuerleben, wie Alexander, kann dir Vernunft einbläuen.

Ich lese viel, hauptsächlich Romane. Selbsthilfe-Ratgeber habe ich hinter mir gelassen. Zwecklos. Ich schätze eine gute Geschichte. Ich ziehe Nutzen daraus, wie andere die Welt sehen. Hier kommt wie Dostojewski Innehalten gegen Ende seines Lebens verstand, beschrieben in Traum eines lächerlichen Menschen:

„Ich fühlte auf einmal, dass es mir ganz egal sein würde, ob die Welt existierte oder nichts da wäre…Anfangs schien es mir, dass es früher vieles gegeben habe. Aber später kam ich zu dem Schluss, dass auch früher nichts gewesen war, sondern mir aus irgendeinem Grund nur so geschienen hatte. Nach und nach gelangte ich zur der Überzeugung, dass es auch künftig nichts geben werde. Das war der Punkt, an dem ich plötzlich aufhörte, mich über die Menschen zu ärgern…Erst danach lernte ich die Wahrheit kennen.“

Marj sagte ziemlich oft zu uns: „Alles, was ich euch zeigen will, ist ein kleines bisschen Nichts.“ Also, Dostojewski hat hier die Erfahrung einer großen Menge Nichts. Aber es ist kein negatives Nichts. Es ist ein positives Nichts. Worüber sollte man sich also ärgern? Hier ist ein Mensch, bei dem inhibitorischen (Nervenzellen) gewonnen haben. Und er auch.

So erfahre ich das. Was wir „jetzt“ nennen ist gleichzeitig hier und vergangen. Das heißt, dass jeder Moment gleichzeitig existiert und nicht existiert. Er kommt und geht in genau dem gleichen Augenblick. Zurzeit erfahre ich mich selbst als gleichzeitig hier und nicht mehr da, als existierend und nicht existierend, als wach und träumend, als lebend und sterbend. Wie unsere zenbuddhistischen Freunde vielleicht sagen würden – Form ist Leere, weil für sie Form Leere ist und gleichzeitig Leere Form! Diese gleichzeitige Erfahrung substantiell und substanzlos zu sein, dieses Gleichgewicht etwas zu sein und nichts zu sein verschafft mir Gelassenheit, Frieden; ich wage sogar zu sagen – Freiheit.

Aber in dem Augenblick, in dem ich anfange eines zu bevorzugen, am Moment festzuhalten, am Hier und Jetzt, an der Existenz, am Leben, an der Form – bin ich unfrei, gebunden, beladen, schwer, anfällig für Leiden. Das Leben geht. Und es muss vergehen. Zu gehen ohne festzuhalten, ohne zu bereuen, dankbar, erfüllt mich mit ergreifender Liebe zum Leben.

Das ist Innehalten für diesen alten Mann. Jetzt. Wer weiß, was es morgen für mich sein wird.

(Das englische Original findet sich unter dem Titel „On Alexanderian Inhibition and the Great Undoing“ auf Bruce’ Blog www.peacefulbodyschool.com)

Siehe auch Teil II – „Tiefer als Ruhe – Innehalten

*Im Gehirn gibt es zwei Arten von Neurotransmittern: exzitatorische, also erregende, und hemmende, das heißt inhibitorische Botenstoffe. Je nachdem, welche Botenstoffe eine Nervenzelle ausschüttet bezeichnet man sie als exitatorische oder inhibitorische Nervenzelle. Die exzitatorischen Transmitter sorgen für Erregung und führen zum Beispiel zu einem erhöhten Herzschlag oder einer Muskelkontraktion. Inhibitorische Transmitter sind unter anderem für die Kontrastverstärkung und das Ausfiltern von äußeren Einflüssen verantwortlich. Die Balance zwischen den exzitatorischen und den inhibitorischen Systemen ist extrem wichtig. Wenn die Inhibitorik wegfällt, können im Gehirn Krampfanfälle, also Epilepsie, psychische Krankheiten, Suchtphänomene und Halluzinationen die Folge sein.

Mehr dazu unter:

http://www.wissen.uni-freiburg.de/forschungsmagazin/uniwissen/kleiner-baustein-mit-grosser-w

http://www.nobelprize.org/educational/medicine/nerve_signaling/overview/index.htmlirkung,7.htm

(auf Englisch)

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