Tiefer als Ruhe – Innehalten, Teil II

Foto: Bruce Fertman

Jede Handlung enthält etwas, das du tust und etwas, das du nicht tust. Wenn du versuchst, deinen Arm gleichzeitig zu beugen und zu strecken, wirst du den Arm nicht bewegen können. Du wirst ihn weder beugen noch strecken können. Eine Hälfte deines Bemühens versucht den Arm zu beugen, die andere Hälfte versucht das zu verhindern.

Ungefähr wie das Repräsentantenhaus der USA. Nichts bewegt sich.

Ob du es merkst oder nicht, wenn du deinen Arm beugst, hat dein Nervensystem „entschieden“, ihn nicht zu strecken. Nicht schlecht. Es klingt seltsam „bewusst“ zu entscheiden, den Arm nicht zu strecken. Aber wenn du das tust, ist dein Arm absolut frei, sich zu beugen, ohne den geringsten Widerstand.

Wenn sich alle Muskeln anspannen, unterschiedslos, in jede Richtung, in entgegengesetzte Richtungen, dann fängst du an dich zu überanstrengen. Manchmal bis zur Lähmung. Das Resultat ist Chaos, Konflikt, Gegeneinander. Dein Körper wird gegen sich kämpfen und deshalb verlierst du. Kämpfe gegen dich selbst und du wirst immer verlieren. Jeder Anschein von Anmut wird verschwunden sein.

Laotse, der berühmte chinesische Philosoph/ Pragmatiker /Mystiker hatte ein Wort für Anmut. Er nannte es „Wu Wei“, oft als Nicht-Tun, mühelose Anstrengung oder harmonisches Handeln übersetzt.

Anmut kommt zum Vorschein, wenn alles, das nicht für eine Handlung  notwendig ist, auch nicht zum Einsatz kommt, aber alles das notwendig ist. Dazu braucht es ein Nervensystem mit Trennschärfe, ein Nervensystem, das weiß, wann es Ja und wann es Nein sagen muss – und nicht nur Wann, sondern auch Wie, Wie viel und Wo. Wir verfügen in uns über ein potenziell glänzendes Binärsystem, das zu praktisch unendlich vielen Abstufungen in der Lage ist.

Zu wissen, wann was einzusetzen, wann was ruhen zu lassen, zu wissen, wie, wo und wann den Bewegungsreiz zu unterbinden – und dies nach Belieben machen zu können – ist Teil der Fertigkeit, die F.M. Alexander als Innehalten (Inhibieren) bezeichnete. Ich vermute, Alexander wählte den Begriff Innehalten, weil er seine Methode in einen wissenschaftlichen Kontext einbetten wollte. Aber es stellte sich heraus, dass ein Zeitgenosse, Sigmund Freud, bereits den Definitionsbereich der Bezeichnung abgesteckt hatte. (inhibition engl. für Innehalten bezeichnet bei Freud die Unterdrückung eines Wunsches aus dem Unterbewusstsein.) Wie bedauerlich für Mr. Alexander, und für uns alle, die wir in seinen Fußspuren folgen! Wie viele Menschen denken, wenn sie das Wort Inhibieren hören, an ein inhibitorisches postsynaptisches Potential (IPSP), das die Erregung einer Nervenzelle hemmt? (Die Vorraussetzung zur Weiterleitung eines Bewegungsreizes)*

Nicht viele.

Doch trotz dieser Verwirrung um den Begriff, wohin uns Alexander den Weg wies, war nach meiner Überzeugung nichts weniger als Anmut – sowohl physischer als auch, das wage ich zu sagen, spiritueller Art.

Du kannst physische und geistige Anmut als zwei Kreise sehen. Für uns kinästhetische Geschöpfe überlagern sich diese Kreise manchmal. Wir sind wie Regentropfen, die auf Wasseroberfläche eines Teichs treffen. Hast du schon jemals zwei sich weitenden Ringe  gesehen, wie sie sich überlagern, jeder sich dem anderen annähernd, jeder der andere werdend, bis – für einen Augenblick – sie eins sind?

Unter dieser fluiden Offenheit, ruhig and bewegt, ein Frieden, tiefer als Ruhe.

Frieden ist mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist, was sich vollzieht, wenn Krieg abwesend ist. Es ist das Umformen von Schwertern zu Pflugscharen. Es ist die Umwandlung von Gegeneinander in Zueinander.

Energie wird frei, die nun bereit ist, für Fürsorge, Bildung, Experimentieren, Dienst, Kunst und Erholung eingesetzt zu werden.

Kurz gefasst, das ist für mich, worum es bei der Alexander-Arbeit geht.

Neubelebung.

* Hintergrundinfo über die Signalweiterleitung in und zwischen Nervenzellen, die z.B. vor einer Muskelkontraktion steht.

Das englische Original des Essays „Deeper Than Rest“ findet ihr auf Bruce‘ Blog www.peacefulbodyschool.com.

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