Richtung unbekannt

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Photo: B. Fertman, Coyote, New Mexico

Aus dem Brief eines Schülers:

Wie weiß ich, dass ich mich in die richtige Richtung bewege?

Es sind einfache Fragen, wie diese, die uns in die richtige Richtung führen. Solche Fragen, die vom Herzen kommen, haben keine intellektuellen Antworten. Letztlich geht es bei Fragen wie deiner darum wie man sein Leben leben soll. Ein Leben zu leben ist nichts Intellektuelles, nicht mal für einen Intellektuellen. Also setzte ich mich mit der Frage nicht nur für dich auseinander, sondern auch für mich.

Du stellst diese Frage im Kontext der Arbeit F.M. Alexanders. Lass uns also mit einer berühmten Bemerkung Alexanders beginnen:

„Es gibt nicht so etwas wie eine richtige Haltung, aber es gibt so etwas wie eine richtige Richtung.“

Lass uns erst herauszoomen und das große Ganze ansehen und uns dann zum Kern vorarbeiten. Alexander sagt hier, was du anstrebst, ist keine Haltung, kein Ort, nichts Starres. Wenn wir uns gehalten fühlen, starr, fest, dann sind wir falsch. Er scheint zu sagen, dass es eher um „den Weg“ geht als um „die Form“. Taoismus kommt einem sofort in den Sinn, wie es auch bei Aldous Huxley war, der Alexander als ersten Taoist des Westen bezeichnete. Und auch: Laotses Verweise auf „wu-wei“ – meist übersetzt als Nicht-Tun, müheloses Bemühen oder harmonische Betätigung – seine Verehrung für Wasser, den Wasserlauf, seine Liebe zum Tal statt zum Berges, des Raums statt der Substanz, sein Lob der Nachgiebigkeit gegenüber der Härte, seine Wunsch nach weniger statt mehr

Ironischerweise wurde das beste Buch über Alexanders Arbeit vielleicht 2400 Jahre vor seiner Geburt geschrieben und ist vielleicht immer noch der beste Führer, uns die „richtige Richtung“ zu zeigen. Deshalb habe ich mich die letzten acht Jahre intensiv mit Latotses „Daodejing“ beschäftigt und meine eigene Interpretation geschrieben. In meinen Augen ist dieser Text ist ein Vorläufer von Alexanders Arbeiten.

Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Ich würde sagen, nicht nur gibt es keine richtige Haltung. Es gibt auch keine richtige Richtung, keine allein richtige Richtung. Auf „einem Weg“ zu sein, ist wichtig. In Japan, wo ich die Hälfte des Jahres lebe, üben sich die Menschen in Disziplinen wie Kyudo, dem Weg zur Kunst des Bogenschießens, Aikido dem Weg zur harmonisierten Energie, Sado (Teezeremonie), wörtlich übersetzt:Teeweg, Shodo (Kalligraphie), wörtlich: Weg des Schreibens etc.

Auf einem Weg zu sein, schließt nicht aus vom Weg abzukommen. Manchmal haben wir Zweifel an unserem Weg: ob er uns irgendwo hinführt, ob es der richtige für uns ist, ob wir unterwegs falsch abgebogen sind, ob wir jemals da ankommen, wohin wir möchten.

Vielleicht gehört eine gewisse Portion Zweifel dazu. Alexander bat uns nicht zu versuchen, richtig zu sein, nicht zu versuchen zu fühlen, ob wir richtig sind. Nicht mal uns darum zu kümmern, ob wir richtig sind.  Manchmal eröffnete er gar Stunden mit dem Satz:

„Lass uns hoffen, dass etwas schief geht.“

Wenn wir nicht genau wissen, wo wir sind, beginnen wir manchmal zu erkennen, wo wir sind, zu spüren, wo wir sind. Wir öffnen uns dem, was um uns herum ist.

Dennoch, etwas in uns will eine Art Bestätigung, dass wir uns in eine gute Richtung bewegen. Es muss Zeichen geben, und wenn dem so ist, welche sind es?

„Alexander gibt uns einen Hinweis wenn er sagt:

„Eine Untersuchung würde herausfinden, dass alles, was wir machen, genau dem entspricht, was in der Natur geschieht, wo die Bedingungen richtig sind. Der Unterschied besteht nur darin, dass wir lernen es bewusst zu machen.“

Ich weiß nicht, was Alexander mit „richtigen Bedingungen“ meint. Aber seine Definition von richtig ähnelt vielleicht der des Ökologen Aldo Leopold. In „A Sandy County Almanac“, schreibt Leopold:

“Eine Sache ist richtig wenn sie die Integrität, Stabilität und Schönheit der biotischen Gemeinschaft bewahrt. Sie ist falsch, wenn sie etwas anderes beabsichtigt.“

Vielleicht versucht Alexander uns zu sagen, die Art zu wissen, ob wir richtig sind, ist, wenn wir uns in Übereinstimmung mit der Natur verhalten – also wenn wir Integrität, Stabilität und (innere) Schönheit bewahren. Und wir sind aus der Balance, wenn das nicht geschieht.

Zoomen wir mal heran an die biotische Gemeinschaft in uns und kehren zur Ausgangsfrage zurück: Wie wissen wir, wann wir uns in die richtige Richtung bewegen?

Wenn wir uns als Teil unseres größeren Ökosystems begreifen, dann bewegen wir uns in eine richtige Richtung, wenn wir Integration, Stabilität und Schönheit bewahren. Ich würde noch folgende komplimentäre Gegensätze zu diesen Indikatoren hinzufügen: Integration und Differenziertheit, Stabilität und Beweglichkeit und Schönheit und Funktionalität. Komplimentäre Gegensätze arbeiten miteinander. Unvereinbare Gegensätze arbeiten gegeneinander. Nach meiner Erfahrung bewegen wir uns in die richtige Richtung, wenn wir die Verbindung komplimentärer Gegensätze in uns erfahren.

Wenn wir uns ganzheitlich und facettenreich fühlen

Wenn wir uns stabil und beweglich fühlen

Wenn wir uns funktional und schön fühlen

Wenn wir uns leicht und kräftig fühlen

Wenn wir uns still wie ein Berg und bewegt wie ein Fluss fühlen

Wenn wir Ruhe und Halt fühlen

Wenn wir uns gesammelt und aus uns herausgehend fühlen

Wenn wir das Innen und Außen fühlen

Wenn wir uns offen und fokussiert fühlen

Wenn wir uns verbunden und unabhängig fühlen

Wenn wir uns engagiert und frei fühlen

Wenn wir uns spontan und überlegt fühlen

Wenn wir uns sanft und kraftvoll fühlen

Wenn wir uns entspannt und bereit fühlen

Wenn wir uns nah und fern fühlen

Wenn wir Zeit und Zeitlosigkeit fühlen

Wenn wir Schwerkraft und Anmut fühlen

Wenn wir uns selbst und andere spüren

Wenn wir weniger tun und mehr erhalten

Wenn wir das Wort Richtung (direction/ richtunggebende Anweisung) im strikten Alexander-Sinn verwenden und dann die Anfangsfrage stellen, dann versteckt sich die Antwort vielleicht im „Gebrauch des Selbst“, eines von Alexanders Büchern, das ich vor 40 Jahren las. Irgendwo, ich glaube in einer Fußnote, erwähnt Alexander, dass eine Richtung eine Nachricht ist, die wir zu einem Teil des Körpers schicken. Wenn die Nachricht richtig ist, also wenn es eine richtige Richtung oder Anweisung ist, dann wird sie die Energie in diesem Körperteil so leiten, dass daraus eine allgemeine Verbesserung der gesamten Integration resultiert. (Richtung denken/ vorstellen im Sinne der Alexander-Technik geschieht immer in Verbindung mit Innehalten. )

Um mir das vorzustellen, benutze ich das Sprachbild von Schlüssel und Schloss. Ein Gelenk in deinem Körper ist ein Schloss, der Schlüssel ist die Richtung. Es ist wichtig, das Schloss zu untersuchen, um seine Beschaffenheit kennen zu lernen. Dann kannst du einen Schlüssel machen, der in dieses Schloss passt. Wenn er passt, dann öffnet er das Schloss. Das öffnet eine Tür, die dich in dein Haus eintreten lässt, dein Körper, in dem du lebst, deine Bleibe, dein Zufluchtsort, dein Heiligtum.

Durch Lernen, ob allein oder mit Hilfe eines Lehrers, wirst du die vielen verschiedenen Türen und ihre Schlösser entdecken und kennen lernen. Du wirst immer präzisere Schlüssel für diese Türen machen können, die dich durch die Tore in die Heilige Stadt führen.

Du lernst, um Alexanders rätselhaften Ausdruck zu nutzen, wie du deine Primärkontrolle  freisetzen kannst, deine wahre und primäre Bewegung, dein primäres Muster – ein fluides, bewegliches, organisierendes Muster. (Primärkontrolle/ primäre Bewegung: das fortwährende Balancieren des Kopfes auf der Wirbelsäule, das die gesamte Körperkoordnation organisiert)

Du lernst, wie du in diese fluide Selbstorganisation eintreten kannst, in diesen wissenden Fluss in uns. Und dieser Fluss weiß, wo es lang geht, welches eine richtige Richtung ist. Unsere Aufgabe ist es abzugeben, uns dem Fluss anzuvertrauen, uns zu einem ihm bekannten Ort bringen zu lassen, der uns für immer unbekannt bleiben wird.

Das englische Original des Essays „Direction Unknown“ findet ihr auf Bruce‘ Blog www.peacefulbodyschool.com.

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