Hals und Hals

Hals und HalsFrage eines Schülers:
Wenn das Handgelenk der „Hals der Hand“ ist und das Fußgelenk der „Hals des Fußes“, (wörtliche Übersetzung auf Koreanisch sowie auf Japanisch) und wenn im Prinzip der Kopf führt und der Körper folgt, ist es dann genauso wahr, dass die Hand führt und der Arm folgt und der Fuß führt und das Bein folgt?

Ganz so einfach ist es nicht. Bewegung kann und wird von vielen Teilen des Körpers initiiert, oft gleichzeitig und setzt sich dann in Sequenzen durch den Körper hindurch fort, mit ganz verschiedenen Qualitäten. Der Kopf kann den Körper führen, der Körper den Kopf, ein Teil des Körpers kann andere Körperteile führen. Jeder gute Tänzer oder Physiotherapeut weiß das. Der Ausdruck „Kopf führt, Körper folgt“ – einer der beliebtesten bei vielen, die bei Marjorie Barstow gelernt haben – bedeutet nach meinem Verständnis: Deine Kopfbalance hat „bestimmenden Einfluss“ auf die Qualität deiner Koordination. Das kannst du gut bei großen Eiskunstläufern oder Turmspringern beobachten. Gleiches gilt aber auch bei den einfachsten Bewegungen bloßer Sterblicher. Wenn deine Primärsteuerung gut funktioniert und du hebst deine rechte Hand, wird es sich leicht, einfach und kraftvoll anfühlen oder wie auch immer du es haben willst. Andersherum wird sich die gleiche Bewegung angestrengt anfühlen, wenn deine Primärsteuerung gestört ist, und du hast in viel geringerem Maße Kontrolle darüber.

Gleichwohl fand ich vor 25 Jahren, als ich wie du über diese Begriffe stolperte, für mich heraus: Die gleiche Vorstellung um im Hals frei zu werden, funktioniert auch für Hand- und Fußgelenke und den unteren Rücken (der Hals des Beckens). Für mich war das nichts weniger als eine Offenbarung. Es führte zu einem Lösen im Bereich dieser „Hälse“ – von Händen zu Handgelenken, von Fußgelenken zu Füßen, von Lendenwirbelsäule zum Becken. Das war ungefähr zu der Zeit als ich in Frage zu stellen begann, ob ich mich als Alexander-Lehrer betrachten könne. (Die Frage kann ich noch immer nicht beantworten.)

Wenn du den Körper mit unschuldigem Blick betrachtest, ohne dass dir hochtrabende Begriffe und Definitionen in die Quere kommen, siehst du kugelartige Formen mit längeren schmalen Formen dazwischen. Von oben nach unten sieht man die Kopf-Kugel, dann einen Hals, eine Rippen-Kugel, dann einen Hals (die Lendenwirbelsäule), die Becken-Kugel, dann einen Hals (der Oberschenkelknochen), die Knie-Kugel , dann einen Hals (Schienbein/ Wadenbein/ Fußgelenk). Dann kommt der Fuß. Die Zehen gehören eigentlich nicht zur kugel-artigen Wölbung des Fußes, zeigen aber eine eigene Abfolge kleiner Kugeln und Hälse. All diese Kugeln und Hälse sind nicht einfach aneinander gesteckt, sondern fließen zusammen in eleganten Kurven, die an einen mäandernden Fluss erinnern. Deshalb bezeichne ich das manchmal als unseren sich längenden Fluss.

Schulterblatt Anatomie

Schlüsselbein (Clavicle), Schulterblatt (Scapula) mit Schulterblatthals (Neck of Scapula) und Arm sowie Bändern.
Bild aus 20th U.S. edition of Gray’s Anatomy of the Human Body

Wenn wir mal unseren sich weitenden Fluss betrachten, erkennen wir einen Fluss von gleicher Länge – auch er eine Abfolge von kugelartigen Formen und langen, dünnen Abschnitten. Auf Englisch ist das eine der Definitionen des Wortes Hals wie zum Beispiel Hals einer Violine.  Für mich bilden auch Schulterblatt und Schlüsselbein zusammen eine kugelartige Form. Auf sie folgt das Ende des Schulterblatts, das sich – ob du es glaubst oder nicht – Schulterblatthals nennt. Daran schließt der (kugelförmige) Kopf des Oberarmknochens an, anschließend der Oberarmknochen, der Ellenbogen und seine kugelartigen Gelenke, die langen Knochen des Unterarms und die kleinen Knochen des Handgelenks, gefolgt von der kugelartigen Hand – ein Grund, warum Hände einen Ball so gut fangen, oder eine Reisschüssel halten können.

In unseren verschiedenen Hals-Regionen gibt es große, kraftvolle Muskeln. Diese Muskeln setzen die Kugeln in Bewegung oder verhindern Bewegung – je nachdem, was wir machen wollen, gut oder nicht gut. Deshalb hilft es in diesen Bereichen ein Wörtchen mitreden zu können oder zumindest eine Stimme zu haben. Und das ist ein guter Grund, warum Menschen Alexander-Technik lernen. Obwohl wir als Alexander-Lehrer keinesfalls ein Patent auf diese Weisheit haben.

Um zur Frage zurückzukehren, ob die Hand den Arm führt – manchmal hilft es, so zu denken. Wenn ein Baby etwas haben möchte, das es nicht haben darf, dann sieht es das Objekt und geht schnurstracks darauf los. Es sieht aus, als ob die Hand einfach dort hin geht, pronto und der Arm hilft ihr dort hinzukommen – bevor die Eltern einschreiten können. Ähnlich läuft es ab, wenn das Baby das Objekt zurück zum Mund bringt und es „kostet“.

Wenn du aber zu laufen versuchst, indem die Füße die Beine führen, wirst du nicht weit kommen. Ein Baby, das seinen Zeh in den Mund stecken will, wird mit dem Fuß führen. Aber wenn sich das Baby weiterentwickelt und anfängt zu krabbeln, zu klettern und zu laufen, dann kommen andere Dynamiken ins Spiel.

Andererseits sind freie Fußgelenke absolut wichtig, wenn es ums Laufen geht.

Es gibt Ähnlichkeiten im Zusammenspiel zwischen Kopf/ Hals, Fußgelenk/ Fuß, Handgelenk/ Hand, Lendenwirbelsäule/ Becken, aber ganz offensichtlich auch Unterschiede. Um ein vollständiges Bild zu erhalten, muss man sich beides genau ansehen.

Das englische Original „Neck And Neck“ findet sich auf Bruce‘ Blog Peacefulbodyschool.com.

Ein Gedanke zu „Hals und Hals

  1. Vielen Dank, Hendrik, für die beiden tollen Übersetzungen. Ich hatte sie zwar schon auf english gelesen, aber auch Deutsch bekommen sie noch einmal eine neue Eindrücklichkeit. Und es ist eine tolle Möglichkeit, der ein oder anderen SchülerIn mal Lesestoff in kleinen feinen Portionen weiterzuleiten.
    Herzliche Grüsse von irene

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