Der Spaziergang

bruce-walking-copy-2Im Crosslands-Altersheim warten 15 neugierige Schüler zwischen 85 bis 105 Jahren auf den Beginn des Workshops. Nachdem ich mir die Namen der Teilnehmer eingeprägt und ein bisschen über das Programm für den Tag erzählt habe, frage ich, ob es bestimmte Aktivitäten gibt, die Schwierigkeiten bereiten. Alle Hände gehen hoch. Die leuchtenden Augen einer Frau ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich fange mit Agnes an.

Eine Geschichte über Stürzen im Alter, Angst und Alexander-Technik…

Agnes sitzt ziemlich aufrecht, zieht ihre Gehhilfe direkt vor ihren Stuhl, steht mühelos auf und schlurft dann sehr langsam zu mir herüber.

Ihre Füße verlassen nicht den Boden. Ihre Fußgelenke verharren fest in einem 90-Grad-Winkel. Ihre Knie beugen kaum. Ihre Hüftgelenke wirken steif. Sie läuft vornüber gebeugt.

„Agnes, kannst du zu deinem Stuhl zurücklaufen und dich wieder hinsetzen?“ Sie findet das etwas seltsam, dreht aber dennoch um und bewegt sich zu ihrem Stuhl.

Ich beobachte ihr langsames, vorsichtiges Schlurfen. Unsicher dreht sie sich, hält inne und setzt sich dann in einer anmutigen Bewegung. Ihre Hüftgelenke, Knie und Fußgelenke beugen sich geschmeidig und mühelos. Sie hält problemlos ihr Gleichgewicht. Sie belastet ihre Gehhilfe kaum mit ihrem Gewicht. Ich bitte sie, sich zurückzulehnen und es sich bequem zu machen. Ihre Wirbelsäule längt sich auf natürliche Weise. Ihre Körperhaltung ist gut. Ich mach mir meine Gedanken…

„Agnes, bist du schon mal gestürzt beim Laufen?“
„Ja, bin ich und ich habe mir die Hüfte dabei gebrochen.“
„Wann war das?“
Agnes rechnet nach: „Vor neun Jahren.“

„Mir fiel ins Auge wie du ganz natürlich aufrecht du beim Sitzen bist und wie gut deine Beine arbeiten, wenn du aufstehst und dich hinsetzt. Du siehst schön und stark aus, deine Balance ist sicher.“

„Wirklich?“
„Was habt ihr gesehen?“, frage ich in die Gruppe. Sie stimmen zu. Ich kann sehen, dass sie Agnes mögen.

„Wenn ich dir mit dem Gehen helfe und verspreche, dass du nicht stürzt oder dich verletzt, möchtest du dann ein bisschen mit mir arbeiten?“
Agnes denkt einen Moment nach, lächelt und sagt: „Gerne.“ Sie steht auf und schlurft langsam zu mir herüber.

„Agnes kannst du deine Hände mit dem gleichen Druck auf deiner Gehhilfe lassen, aber dabei deinen Kopf ein kleines bisschen nach oben schweben lassen, etwas weiter weg von deiner Gehhilfe, so dass sich deine Wirbelsäule eher so anfühlt wie beim Sitzen?“ Sie richtet sich etwas mehr auf. Ihre Augen verraten, dass sie Angst hat. „Alles ist ganz sicher“, verspreche ich. „Spürst du jetzt mehr oder weniger Druck zwischen deinen Händen und der Gehhilfe?“

„Mehr“, sagt sie überrascht.

„Mehr. Ist das nicht interessant? Dein Kopf ist weiter entfernt von der Gehhilfe und irgendwie erlaubt dir das mehr von deinem Gewicht durch die Gehhilfe zum Boden abzugehen. Du bist weiter oben und doch stabiler. Spüre, wie sich das anfühlt, Agnes. So funktioniert das. Ein Wolkenkratzer kann sehr stabil sein. Eine kleine, niedrige Rundhütte kann sehr instabil sein.“ Ich sehe wie es rattert. Sie versteht. Sich nach vorn zu beugen, um näher zum Boden zu sein, hilft ihr nicht wirklich.

„Okay Agnes, während du stehst und deine Stabilität spürst, kannst du dein Gewicht etwas von einer Seite zur anderen verlagern, vom linken Fuß zum rechten und dann zurück zum linken, ohne dass du dabei deine Stabilität verlierst?“ Ich sehe, dass ihr das etwas Angst macht. Also stelle ich mich hinter sie und berühre sanft ihre Rippen. Während meine großen, warmen Hände ihre Rippen fast umschließen, gebe ich ihr durch ihre Wirbelsäule etwas Unterstützung. Ich sehe wie sich ihr eingesunkener Brustkorb füllt und sich ihr Kopf zurück über ihren Hals kommt. Für ihr Gefühl von Sicherheit lasse ich meine Hände auf den Rippen. Sie verlagert ihr Gewicht. Kein Problem. Sie verlagert das Gewicht zurück. Kein Problem. Ich nehme meine Hände so behutsam weg, dass sie es gar nicht bemerkt. Sie verlagert erneut und macht es noch mehrere Male, weil sie mag, wie es sich anfühlt.

„Sehr gut. Jetzt, beim nächsten Mal, wenn du dein Gewicht verlagerst, verlagere es auf ein wirklich gestrecktes Bein, ein vollständig gestrecktes Bein. Schau mal, was passiert, wenn du dich nicht duckst oder deine Knie beugst. Aber damit das auch klappt, musst du vorher den Entschluss fassen, da oben zu bleiben, ganz egal wie seltsam sich das anfühlt. Also, fass diesen Vorsatz.“ Ein Anflug von Mut zeigt sich in ihrem Gesichtsausdruck. Stärke kommt in ihrem Stehen zum Vorschein. „Bleib deinem Entschluss treu, und wenn du bereit bist, verlagere dein Gewicht.“

Sie macht es einwandfrei. Ich sehe wie ihre Freunde genau hinsehen. Keiner beschäftigt sich mit anderen Dingen. „Sehr gut, Agnes. Wenn du beim nächsten Mal dein Gewicht nach links verlagerst, wie du es gerade so gut gemacht hast, bleib da für eine Sekunde und bring dein Knie nach vorn und berühre damit meine Hand.“ Meine Hand befindet sich fünf  Zentimeter von ihrem Knie entfernt. Sie berührt sie. „Gut.“ Ich bringe meine Hand in sieben Zentimeter Entfernung und bitte Agnes, sie wieder zu berühren, und sie macht es. Dann zehn, dann 13 Zentimeter. Sie blickt überrascht. „Das macht dein Knie jedes Mal, wenn du dich hinsetzt und aufstehst. Ich wusste also, dass du das kannst. Ich werde nichts von dir verlangen, was du nicht schaffen kannst. Versprochen.“

Wir machen es auf der anderen Seite. Manchmal erinnere ich sie an ihre lange Wirbelsäule, die bessere Stabilität, die sie durch ihre Gehhilfe hat und ihre gestreckten Beine. Sie fühlt sich jetzt wohl mit meiner Berührung, die ich gelegentlich nutze, um sie daran zu erinnern, dass sie sich nicht vornüber beugen muss.

„Agnes, gleich wirst du dein Gewicht nach links auf ein gestrecktes Bein verlagern  und schickst du dein Knie weiter nach vorn als für gewöhnlich. Wenn dein Knie vorn ist, lässt du deinen Fuß einfach nach unten hängen, so wie der Huf eines Pferdes. Dann lässt du deinen Fuß auf den Boden setzen, wo er aufsetzen will.“ Sie macht es. Kein Schlurfen, kein Geräusch, aber ich sage nichts dazu.

„Sehr gut, Agnes. Macht das Spaß?“
Mit leuchtenden Augen sagt sie: „Ja, macht Spaß.“
„Gut. Mir auch.“

„Okay, spürst du wie deine Füße nun etwas auseinander stehen, aber nicht direkt nebeneinander, sondern ein Fuß etwas vor dem anderen?“ Sie nickt. „Spür weiter deine Stabilität und verlagere dein Gewicht diagonal nach vorn auf dein gestrecktes Bein. Geht das?“ Ich stehe hinter ihr, meine Hände auf beiden Seiten ihrer Rippen ermutigen sie in ihrer mühelosen Aufrichtung zu bleiben. Sie macht den Schritt. „Perfekt.“

Ungefähr 10 Minuten sind vergangen. Wir sind in einer anderen Welt, wo die Zeit anhält. Agnes hat einen richtigen Schritt gesetzt.

Wir machen das gleiche mit dem linken Knie, dann noch mal mit dem rechten und dann noch mal mit dem linken.

„Okay Agnes, wenn du einen Schritt wie diesen setzen kannst, einen stabilen und sicheren Schritt, kannst du dann nicht auch zwei machen? Und wenn du zwei stabile, sichere Schritte setzen kannst, kannst du dann nicht auch drei machen? Entscheide dich für diese Art zu gehen, in der Geschwindigkeit, mit der du dich wohl fühlst. Mach mit deiner Gehhilfe einfach mal einen Spaziergang, so als würdest du einen Einkaufswagen im Supermarkt schieben.“

Ich stehe hinter ihr und lege meine Hände seitlich und hinten ganz leicht auf ihre unteren Rippen. Wir sind im Tandem. Wenn ihr rechtes Knie nach vorn geht, geht mein rechtes Knie nach vorn, genau unter ihr. Aber meine Berührung ist so leicht, sie merkt kaum, dass ich da bin. Nach ungefähr fünf Schritten lasse ich meine Berührung langsam ausklingen. Sie läuft ganz allein, mit ihrer Gehhilfe, aufrecht, stabil, sicher.

„Agnes, schau zu George und geh zu ihm hinüber.“ Sie tut es. Sie lächelt. „Jetzt schau zu Ethel und geh zu ihr.“ Sie tut es. Sie gewinnt an Selbstvertrauen. „Jetzt schau zu Ada und geh zu ihr.“ Sie lacht auf. Mit jedem Mal, das sie zu einer Person läuft, denkt sie weniger an sich und mehr an die Person, die sie sieht. Und mit jedem MAl läuft sie – ohne es zu merken – schneller. Aber wenn ich mich umsehe, sehe ich, dass Agnes’ Freunde es bemerken.

Ich stehe vor Agnes, strecke meine Hände aus und lade sie ein ihre Hände auf meine zu legen – als ob ich sie zum Tanz auffordere. Agnes schaut mir in die Augen. Sie denkt nicht an ihren Körper und legt ihre Handfläche auf meine. „Ich bin eine gute Gehhilfe und ein guter Spaziergänger. Ich möchte deine Gehhilfe sein und spazieren gehen.“ Ich bitte Ada, Agnes’ Gehhilfe zu nehmen und verspreche ihr sie zurückzugeben. „Also, lass uns spazieren gehen.“ Während Agnes vorwärts geht, gehe ich rückwärts. Sie führt und ich folge. Wir tanzen.

„Bring mich zu deinem Stuhl zurück.“ Sie tut es. Ich setzte mich. Meine Hände gleiten von ihren weg. Agnes steht vollkommen aufrecht, von ganz allein, aber ich erwähne es nicht. Ich lasse meine Hände wieder unter ihre gleiten, beuge mich leicht vor und stehe langsam auf. Reflexartig hilft sie mir auf. Ich bitte sie, mich zu drehen, so dass wir Plätze tauschen können. Sie ist an der Reihe sich zu setzen. Sie denkt nicht an sich, sie denkt nur daran mich zu drehen. Sie führt.

„Danke, Agnes. Bitte setz dich.“ Ich löse meine Hände und sie setzt sich ohne ihre Gehhilfe.

Agnes fühlt sich sicher, aufgehoben und stabil – weil sie es ist.

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