Alexander-Land

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Robyn Avalon (blind fotografiert während des Osterevents 2013)

Wie weißt du, dass du im Alexander-Land bist? Um diese Frage drehte sich alles beim Osterevent 2013. Robyns gesammelte Gedankensplitter aus neun Tagen hier zusammengestellt zu einem kleinen Reiseführer in fünf Punkten.

Die Alexander-Technik ist das Studium der Qualität deines Lebens, ein Studium des Wie, nicht des Was. Viele Methoden beschäftigen sich mit dem gleichen universalen Thema. Nennen wir es die Existenz, Bewusstheit, welche Wahlmöglichkeiten habe ich und wie wähle ich aus, wie erfülle ich mein wahres Potential… Alle Flüsse fließen zum Meer. Die Alexander-Arbeit ist kein eigener Ozean, sondern ein Fluss – ein bestimmter Zugang.

Was macht unseren Zugang aus?

Kinästhesie

Wir arbeiten durch den Körper. Es geht um natürliche, angeborene Bewegung.

Eine Alexander-Berührung ist wie ein Anruf. “Du fragst, ‚hallo, jemand da?’. Wenn jemand antwortet bist du verbunden. Bei dieser Arbeit geht es nicht um manipulieren. Wenn dein Schüler nicht mit dir verbunden ist, manipulierst du. Sie müssen dir bewusst folgen. Du arbeitest immer durch das kinästhetische Sinnessystem. Wir machen nicht etwas an jemandem, sondern mit jemandem. Du sagst mit deiner Berührung: Hier bin ich. Hier bist du. Hier sind IchDu. (Manche Lehrer arbeiten vorwiegend mit Sprache in der Kinästhesie.)

Voraussetzung dafür ist Stille. Um jemand anderem zuhören zu können, musst du leiser sein als dein Gegenüber. Deshalb ist die Beschäftigung mit dem eigenen Gebrauch so wichtig. Muskeln machen Geräusche. Wenn du still wirst, deine Spannungen abschaltest (when you turn off) wird dieser heilige Raum freigelegt – der eigentlich immer da ist, aber meist verdeckt bleibt – dieser Moment von Präsenz, Bewusstheit, Stille. Das ist der Moment, wenn du jemandem begegnest – seinem Selbst. In der Abwesenheit von Spannung erwacht Bewusstheit, Achtsamkeit. Die Stille verschafft der Präsenz die Möglichkeit hervorzutreten.

2 Herauszoomen – the unified field of attention

Bei der Alexander-Arbeit geht es immer um die ganze Person. Das ist eines der wichtigsten Definitionsmerkmale. Du berührst nie nur eine Schulter oder ein Sacrum. Du berührst eine Schulter „in Beziehung zu“ (zum Kontext, zu dir selbst, zu einer Rolle, einem Glaubenssatz…). Wenn du nicht in Beziehung einem Ganzen arbeitest, bist du nicht im Alexander-Land. Diese Ganzheit existiert bereits. Ich berühre Muskeln, Knochen, Zellen, Hormone, Gefühle, Gedanken… Ich könnte auch sagen den kinästhetischen Körper, den emotionalen, den mentalen, den spirituellen Körper… Ich berühre einen Teil, aber in diesem Teil ist das Ganze immer enthalten. Es macht keinen Sinn etwas außen vor zu lassen, wenn es bei dieser Arbeit um das Wie des lebendig seins geht.

3 Was zieht meine Aufmerksamkeit auf sich

If you try – do – good – you are not in Alexander land. Wenn du versuchst, wenn du versuchst zu tun, wenn du versuchst gut zu tun, dann bist du nicht im Alexander-Land.

Der einzige Weg zum „Ziel“ ist der Weg, der Prozess. Das ist die Arbeit. Von allen Ideen und Prinzipien F.M.Alexanders ist diese vielleicht die wichtigste in der Alexander-Arbeit. Er nannte es, „the means whereby“/ die Mittel wodurch. Da wo hin willst, kommst du hin, indem du in jedem Moment wahrnimmst wie du bist – nicht indem du versuchst herauszufinden, wie du zum Ziel kommst.

Neugier treibt die Arbeit an. Die Feeling der Alexander-Arbeit ist lebendig, neugierig, ruhig, improvisationsfreudig. Wenn du keine Vorstellung davon hast, wohin es geht, dann wird es eine gute Stunde. Dann unterrichtest du deinen Schüler, nicht dein Muster.

Achte auf deine Gewohnheiten im Wahrnehmen

Wenn du als Alexander-Lehrer einen Mensch ansiehst mit dem Gedanken, du müsstest helfen, etwas reparieren oder berichtigen, dann suchst du automatisch nach etwas, das „falsch“ ist. Du legst über deine Wahrnehmung einen Filter, anders als bei einer offene Frage wie: Was erregt meine Aufmerksamkeit?

Es geht nicht um richtig und falsch, sondern um Wahlmöglichkeiten. Rumi sagte: „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“ Du möchtest jemand die Wahlmöglichkeiten bewusst machen. Was die Person damit dann macht, geht dich nichts an. Sobald du in diesem Modus von richtig und falsch bist, wirst du eine schwierige Stunde unterrichten.

4 Warum bin ich hier? Wer wohnt hier?

Viele denken, bei der Alexander-Technik geht es um die Koordination von Knochen, Muskeln und das Nervensystem. Aber damit verwechseln wir die Mittel und den Inhalt. Es geht nicht um die Verbindung von Kopf, Hals und Wirbelsäule. Allerdings kann das ein Zugang sein, um das Wie deines Lebens zu erforschen.

Wenn ich mich auf Muskeln und Knochen beschränke, schränke ich das Potential meiner Berührung, die Kraft dieser Arbeit ein – die dann statt lebensverändernd zu sein lediglich Schulter-verändernd oder Kopfgelenk-verändernd bleibt.

Ich spüre ein Muster und frage: in welcher Schicht wird es hervorgebracht? Stammt es von einem Fahrradunfall von vor sieben Jahren, ist es durch psychische Belastung verursacht, sind die Hormone an diesem Tag anders als sonst, stammt es aus dem energetischen Körper, ist es eine Frage der Körperlandkarte oder die Verkörperung eines Glaubenssatzes – in der Rolle als Mutter/ Vater, Liebhaber, einer Vision für die Zukunft…

Von der Stange oder maßgeschneidert

Du willst in der Lage sein, all diese verschiedenen Schichten/ Ebenen/ Körper anzusprechen. Das macht den Unterschied aus zwischen einem Lehrer, der immer in einer bestimmten Art und Weise unterrichtet und hofft, damit jeden erreichen zu können und einem Lehrer, der zu jedem in der passenden Sprache sprechen kann – zu einem 15-jährigen Teen, ebenso wie zu einem Astrophysiker oder jemand, der vielleicht gerade in einer Depression steckt. Es ist wie der Unterschied zwischen Kleidung von der Stange und maßgeschneiderter Kleidung.

Niemand ist nur Körper. Wir arbeiten im Körper, aber wenn wir dabei Gedanken, Gefühle, Glaubenssätze, kollektive Überzeugungen und Verhaltensmuster etc. außen vor lassen, enthalten wir einem Schüler die Werkzeuge vor, sich zu ändern. Wenn du das Warum nicht ansprichst, wird sich das Was nicht ändern.

Der Gebrauch ändert sich nicht, ohne dass sich dem Muster zugrunde liegenden Glaubenssätze zu ändern. Wie trägst du deine Vergangenheit? Was hast du an – welches Muster trägst du?  Diese Fragen erlauben dir mit Lebensgewohnheiten zu arbeiten. „Ich wünschte mir, ich würde nicht so oft wütend werden.“ kann für die Alexander-Arbeit genauso zugänglich sein wie „Ich wünschte mir, mein Knie würde nicht weh tun.“ Egal was die Gewohnheit ist, sie wird eine Prägung im Körper hinterlassen. Alles was dir geschah und geschieht, findet sich in deinem Gewebe wieder. Du musst kein Psychologe sein um damit zu arbeiten.

Du arbeitest damit wie allem anderen auch im Körper, in der Kinästhesie, im Gebrauch deines Schülers. Der Gedanke ist dann wie eine beliebige Aktivität (wie Tanzen, Singen, Gehen…), in der du arbeiten kannst: Nur weil du einen bestimmten Gedanken hast, musst du ihn nicht auf eine bestimmte Art „anhaben“. Du kannst eine Beziehung zu deinem Körper behalten.  Und dann verliert der Gedanke vielleicht an Schärfe. Der Gedanke selbst ändert sich, andere Gedanken, Wahlmöglichkeiten zeigen sich.

Wenn die Alexander-Arbeit das Studium des Wie deines Lebens ist, kann auch alles was im Leben vorkommt zu ihrem Gegenstand werden. Du bleibst dabei aber jederzeit in Bereich des Könnens deiner Hände.

5 Wie kann es anders sein? Was möchte sich ändern?

Alles in dieser Arbeit ist bereits wahr. Es ist nicht deine Aufgabe, dir etwas auszudenken, Lösungen zu finden und aufzuspüren. Mit deiner Berührung empfängst du Information. Du musst sie nicht suchen, sie ist ja nicht verloren, weil es um natürliche, angeborene Bewegung geht.

Von Ram Dass stammt der Satz: The only thing you have to offer another human being, ever, is your own state of being. (Auf Deutsch: Das Einzige, was du einem anderen Menschen jemals geben kannst, ist dein eigener Seinszustand.)

Wenn sich etwas ändert, ist es nicht etwas, was ich mache, sondern etwas, das ich verstanden habe. Die Details, Techniken den Körper etwas machen zu lassen – etwa den Psoas-Muskel zu finden und ihn nach oben schicken, – das ist nicht die Alexander-Arbeit, so wie das Garn nicht die Jacke ist. Es kommt darauf an, was man mit diesen Techniken und Fertigkeiten anfängt, wie sie verwoben werden. Die Alexander-Technik hat einen bestimmten Inhalt aber fast keinen bestimmten Rahmen, wenig Struktur –  so wie eine Kunstform. Letztlich gibt es kein festes Repertoire nur ein tiefes Verständnis der Prinzipien. Und in jeder Stunde präsentierst du sie anders eingefärbt, weil es auf das Zusammenspiel zwischen dir und deinem Gegenüber ankommt – wie du in diesem Moment bist, wie dein Gegenüber in diesem Moment ist. Die Kunst ohne die Technik ist nicht stimmig, die Technik ohne die Kunst entfaltet niemals diesen Zauber.

Etwas in dieser Arbeit, lässt dich jeden Menschen lieben. Und ich weiß, das klingt kitschig. Es ist schwer, nicht dankbar zu sein, für das was du machst. Für all die Schönheit. Denn das ist es, was du den ganzen Tag machst: Du wirst Zeuge von Schönheit, auf eine unmittelbare Weise des Menschsein, des menschlichen Befinden (the human condition). Man könnte auch sagen, die Alexander-Arbeit ist das Studium von Anmut.

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