Der Ansturm

the-red-hats1Wenn du das wirkliche Leben eines Menschen ins Klassenzimmer bringst, wird er das, was er im Klassenzimmer erfährt, mit größerer Wahrscheinlichkeit mit ins wirkliche Leben nehmen können. Über Alexander-Technik und die „Arbeit in Situationen“.

Wenn Menschen zu einem Alexander-Lehrer kommen um Stunden zu nehmen, hilft ihnen das sich persönlich und körperlich wohler zu fühlen. Manchmal sehr viel. Es ist ein Anfang. Jemand zu helfen diese neugefundene Lebendigkeit in einer bestimmten Aktivität zu erleben – beispielsweise beim Geige spielen, beim Geschirr spülen oder bei der Arbeit am Computer – führt die Alexander-Arbeit über das Körperselbst hinaus – in die Sphäre des Handels, der Aktion und Interaktion – ins Leben. Meine Lehrerin, Marjorie Barstow, war eine Meisterin dieser „Arbeit in der Aktivität“ im Rahmen von Gruppenunterricht. Das ist Teil ihres pädagogischen Vermächtnisses. Im Lauf der Zeit erfuhr die „Arbeit in Aktivität“ für mich eine Weiterentwicklung. Sie wandelte sich in eine „Arbeit in Situationen“.

Vor einigen Jahren während eines Workshops in Lübeck wollte eine Grundschullehrerin mit dem Thema Unterrichten arbeiten.
Ich sage: „Klingt gut, lass uns das machen. Was ist für dich der anstrengendste Moment beim Unterrichten?“
Sie sagt: „Wenn die Stunde vorbei ist und die Schüler entweder zur Tür oder zu meinem Tisch rennen während gleichzeitig die Schüler der nächsten Klasse durch die gleiche Tür in den Klassenraum oder um meinen Tisch drängen .“
„Wie fühlt sich das für dich an?“, frage ich.
„Ich fühle mich bombardiert“, sagt sie.
Ich beobachte sie während der Antwort – ihre weit geöffneten Augen, geöffneten Lippen, ihren zurückgebeugten Rücken, ihre Hände, die wie ein Schild vor den Körper schnellen, ihren oben in der Brust gehaltenen Atem.

Zu den 15 anderen Leuten im Raum sage ich: „Okay, lasst uns ein Klassenzimmer machen.“ Ich frage sie, in welchem Abstand die Tür sich ungefähr vom Tisch befindet und die anderen Teilnehmer richten den Raum entsprechend her, erfreut mitmachen zu können.

Der Raum ist hergerichtet.  Die Lehrerin steht vor ihrem Lehrertisch. Eine Hälfte der Schüler sitzt in ihren Stühlen, die andere Hälfte ist bereit in den Raum zu stürmen. Allen ist klar, dass sie jetzt ungefähr neun, zehn Jahre alt sind. „Okay, los!“ Ich beobachte, wie sich die Szene entfaltet. Ich sehe, was ich sehen muss.

Die Augen der Lehrerin treten hervor, Mund offen, Körper nach hinten gebeugt, Hände auf ihrem Rücken, Ellbogen fest, Hände nach unten auf den Tisch gepresst, Fingerknöchel weiß, Körper steif. Sie ist buchstäblich gelähmt. Alles ungefähr so wie vorhin, als sie auf meine Frage antwortete, nur viel deutlicher ausgeprägt. Ich bringe die „Kinder“ dazu den Mund zu halten und für Runde zwei bereit zu sein.

Ich bitte die Lehrerin sich an ihren Tisch zu setzen. Sie wundert sich, warum sie nicht bereits selbst auf diese Idee gekommen ist. Als sie sitzt, bitte ich sie den Stuhl näher zum Tisch zu ziehen, sich zurückzusetzen und anzulehnen, ihrem Körper Unterstützung durch den Stuhl zu gewähren. Ich lade sie ein, den Stuhl unter sich zu spüren, wie er ihr Becken stützt und ihre Oberschenkel. Ich lasse sie ihre Hände auf ihrem Schoß, ihre Füße auf dem Boden ruhen. Ich nutze meine Hände, um ihr zu helfen, ihre gestauchte Wirbelsäule zu entlasten. Ich mache ihr die Spannungen in ihrem Gesicht bewusst, bis sich ihr Unterkiefer lösen kann, ihre Zunge ruht, was ihre Rippen und ihre Atmung weicher macht. Ich ermuntere sie, die Schwere ihrer Augenlider zu spüren bis sich ihre Stirn entspannt. Ich beobachte, wie ihre Arme und Beine sich besänftigen.

Ich sage ihr, dass auch wenn nun in naher Zukunft scheinbar gleichzeitig ein ganzer Haufen Kinder zu ihrem Tisch kommen wird, wird ein Schüler davon ihre Aufmerksamkeit zuerst auf sich ziehen. „Schau diesen Schüler an und wende dich nur an ihn, als wäre dieser Schüler die einzige Person im Raum. Gib dieser Person all die Zeit, die sie benötigt. Wenn du das für erledigt hältst, schau welcher Schüler als nächstes deine Aufmerksamkeit auf sich zieht und mach das gleiche wieder. Schau einfach, was passiert. Du wirst es nicht wissen, bevor du es nicht ausprobiert hast. Okay?“ Sie bejaht. Es ist wichtig eine solche verbindliche Zusage zu erhalten.

Ich gebe das Zeichen und die Kinder scharen sich um ihren Schreibtisch. Die Fragen kommen von überall. Im Stuhl ruhend, dreht sie den Kopf und wendet sich einem Schüler zu: „Hallo, wie kann ich dir helfen?“ Sie hört dem Kind zu, überlegt einen Moment und antwortet dann. Die anderen Kinder versuchen verzweifelt ihre Aufmerksamkeit zu erlangen während sie gerade in ihrer eigenen privaten Welt mit dem Schüler lebt. Sie lächelt und sagt dem Kind, dass sie sich freue, es morgen wieder zu sehen. Sie wendet sich einem anderen Schüler zu und sagt Hallo.

Plötzlich füllt Stille den Raum. Die Lehrerin ist weiterhin mit ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit bei dem zweiten Kind. Nach und nach gehen alle Schüler von ihrem Tisch weg bis nur noch zwei übrig sind. Sie wendet sich an die Zwei und erklärt ihnen, dass sie deren Anliegen gern nach der Stunde besprechen möchte. Sie setzen sich.

Das englische Original „The stampede“ findet sich auf Bruce‘ Blog Peacefulbodyschool.com.

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