Einfache Freuden

IMG_2029Wörtlich bedeutet Kin-ästhesie Bewegungsempfindung (sensation of movement). Für mich bedeutet Kinästhesie aber viel mehr als das. Ästhetik (aisthēsis) beinhaltet auch empfangen, wahrnehmen (perceive), bewusst werden durch den Gebrauch der Sinne. Das ist extrem wichtig, denn mir geht es um die Bewusstheit der Empfindung und die Qualität der Empfindung.

Das heißt für mich Sinnes-Bewusstheit, Sinnes-Intelligenz, Sinnes-Achtsamkeit, wertschätzende Sinneswahrnehmung (sensory appreciation).

Ästhetik (aisthēsis) hängt mit Wertschätzen zusammen. Wertschätzen bedeutet dankbar sein für etwas, etwas Wert beimessen, etwas schätzen, seinen vollen Wert erkennen, sich bewusst sein, empfänglich dafür sein, etwas ganz verstehen und begreifen.

Kinästhesie beinhaltet nach diesem Verständnis Bewegung zu verstehen, sich ihrer bewusst sein, ihren Wert anzuerkennen und zu schätzen, dankbar für die Fähigkeit zu Bewegung zu sein.

Ästhetik (aisthēsis) kann außerdem gedeutet werden als Wertschätzung von Schönheit, die Fähigkeit Schönheit zu spüren, Freude zu erfahren durch Schönheit. Kin-ästhesie umfasst dann auch das Wertschätzen der Schönheit von Bewegung, die Fähigkeit Schönheit in Bewegung zu spüren, Schönheit durch Bewegung zu erfahren.

Den kinästhetischen Sinn zu schulen ist wie jeden Sinn schulen. Es macht Spaß, bereit Vergnügen und bereichert. Gewöhnlich wird Ästhetik im Zusammenhang mit Kunst studiert. Wie wäre es sich mit Ästhetik im Zusammenhang mit dem täglichen Leben zu beschäftigen? Was wenn wir unseren Bewegungssinn schulen, nicht um ein großer Sportler oder Tänzer zu werden, sondern nur um einfache Bewegungen des Alltags in ihrer Anmut zu genießen, wie den Hund oder die Katze streicheln oder das Laub zu harken?

Etwas bewusst zu spüren, bewirkt einen großen Unterschied in der Art und Weise wie ich das, was ich tue, erfahre und in der Qualität der Handlung selbst. Es kann eine Quelle tiefer Freude sein. Große Sportler oder Musiker bringen diese Fähigkeit manchmal zu außergewöhnlicher Vollendung:  Wenn Yo Yo Ma den Bogen seines Cellos führt oder Tiger Woods seinen Golf-Schläger. Ich weiß, es klingt verrückt, aber den Boden zu kehren oder ein Handtuch zu falten, kann ein genauso  spektakuläres Sinneserlebnis sein.

Wenn du durch deine taktilen, kinästhetischen und propriozeptiven Sinne in die Welt eintrittst, verbindest du dich mit deinem realen Körper (im Gegensatz zu deinem kosmetischen Körper). Du erfährst ein Verschmelzen. Während du deinen realen Körper sinnlich erfährst, wirst du zunehmend mit Respekt und Ehrfurcht erfüllt sein angesichts des Mysteriums der Existenz. In Wirklichkeit kannst du ohne diese Sinne deine eigene Existenz nicht spüren. Und mit erhöhtem Gebrauch dieser Sinne geht ein erhöhter Sinn (a heightened sense) für die Existenz einher. Und damit auch von allem, das existiert.

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