Stichwort Kinästhesie

Durch die fünf Sinne Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten nehmen wir die Welt wahr. Daneben gibt es den nach innen gerichteten, kaum bekannten Körpersinn – die Kinästhesie. „Der kinästhetische Sinn liefert ständig sensorische Rückmeldungen, was der Körper während motorischer Aktivitäten tut. Ohne ihn wären wir nicht in der Lage, die meisten Willkürbewegungen zu koordinieren.“ Oder wie Bruce es sagen würde: Die Kinästhesie erlaubt uns zu spüren, wie wir tun, was wir tun während wir es tun. Hier einige Fakten.

Verwirrung herrscht oft über die genauen Bezeichnungen. Manchmal wird kinästhetischer Sinn oder kinästhetische Wahrnehmung als Sammelbegriff synonym mit Propriozeption (Eigenwahrnehmung, Tiefensensibilität) gebraucht. Manchmal unterscheidet man die Kinästhesie – Bewegungssinn – als einen Teilaspekt der Eigenwahrnehmung neben Lagesinn, Kraftsinn.

Was können wir damit tun
Die Kinästhesie ist grundlegend für die Körperkoordination und das Dosieren unseres Kraftaufwands:

„Ohne den Körpersinn könnten wir weder geschmeidig gehen noch Fahrrad fahren, weder Sport treiben noch im Dunkeln hantieren. Und nicht nur unseren Körper erfühlt dieser sechste Sinn: Mit ihm spüren wir, wie der Sessel, auf dem wir sitzen, geformt ist. Wir können schätzen, wie viel noch in der Milchtüte ist, wenn wir sie bloß anheben und etwas schwenken…Er lässt Werkzeuge wie Messer und Gabel, Hammer oder Schere, sogar das Auto zu Körperteilen werden. Einen Pinsel spüren wir bis in die Spitze.“

In diesem Artikel ist auch eindrucksvoll beschrieben, wie mühsam das Leben ohne kinästhetischen Sinn wird.

Stellung: Informationen über die Lage unserer Körperteile, z.B. können wir mit geschlossenen Augen die Fingerspitze zur Nase führen.

Bewegung: Informationen über Geschwindigkeit und Richtung der Bewegung, z.B. beim „Hampelmann“ spielen.

Kraft: Abschätzung des Ausmaßes an Muskelkraft, die man aufwenden muss, um bestimmte Bewegungen ausführen zu können, z.B. ein rohes Ei halten im Gegensatz zu einer Tasse aus Keramik

Spannung: Information über den Grad der Muskelspannung und damit Voraussetzung einzelne Muskeln an- oder zu entspannen, den Muskeltonus insgesamt zu regulieren. (Allein schon vermehrte kinästhetische Rückmeldungen zum Muskeltonus fördern anscheinend einen positiven emotionalen Zustand.)

Taktiler Sinn, Eigenwahrnehmung  und kinästhetische Wahrnehmung  lassen sich eigentlich kaum trennen und arbeiten eng zusammen um einen Gesamteindruck zu schaffen  – etwa wenn wir mit den Händen etwas berühren. Daneben spielt er kinästhetische Sinn auch mit den anderen fünf nach außen gerichteteten Sinnen zusammen (anderes Thema.) ebenso wie mit dem Gleichgewichtssinn.

Wie es funktioniert
In Muskel, Gelenken, Sehnen, Bändern – oder allgemeiner Faszien – finden sich überall im Körper Sinneszellen (Rezeptoren). Es gibt eine Reihe verschiedener Rezeptoren-Typen mit verschiedenen Spezialisierungen – und mit ausgefallenen Namen wie Golgi-Rezeptoren, Vater-Pacini-Körperchen, Rufini-Körperchen, freie Nervenenden…Sie messen unter anderem Dehnung, Kraft, Druck, Vibration…Die freien Nerven enden spielen außerdem eine Rolle beim Schmerzempfinden.

Oft liest man, es gäbe kein Organ für die kinästhethische Wahrnehmung. Wenn man den Körper als eine Ansammlung einzelner Muskeln und Knochen betrachtet (so wie in den meisten Anatomiebüchern) stimmt das auch. Tatsächlich ist aber alles mit allem durch ein großes Faszien-Netz verbunden – das alles im Körper umhüllt und sich bis auf Zellebene verfolgen lässt. Dieses Faszien-Netz ist das größte Sinnesorgan des Körpers. (Es liefert beispielsweise auch Rückmeldungen von den inneren Organen)

Warum uns das interessieren könnte
Der kinästhetische Sinnesstystem ist das erste funktionierende System des Fötus im Mutterleib. Die Interpretation kinästhetischer Wahrnehmungen muss gelernt werden. Laufen lernen, Fahrrad fahren – das alles müssen wir zunächst üben. Einmal erlernt, wird es im Gedächtnis in der Ablage „Autopilot“ verstaut und kann dann immer wieder quasi als Formatvorlage für weitgehend unbewusst ablaufende Bewegungen abgerufen werden. Dieser Umstand spielt also eine große Rolle für unbewusste Gewohnheiten oder was F.M Alexander „Macht der Gewohnheit“ nannte. Die gute Nachricht ist, dass wir auch wieder verlernen und neu lernen können. Kinästhesie bildet sozusagen die Geschäftsgrundlage der Alexander-Technik.

Weiterlesen
Einfache Freuden –  Bruce über die Kinästhesie und wie bereichernd die Schulung dieses Sinns sein kann

http://de.wikipedia.org/wiki/Kinästhesie

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/koerperwahrnehmung-der-sechste-sinn-a-563716.html

http://satzsalatundwoerterwolke.wordpress.com/2013/10/26/zweites-lehrjahr-basale-stimulation-propriozeptive-wahrnehmung/

Richard J. Gerrig, Philip G. Zimbardo: Psychologie

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