Unsere wesentlichste Aufgabe

fma_1894

Frederick Matthias Alexander

Eine Definition der Alexander-Technik für angehende Alexander-Lehrer.

Aus einer 1991 (und 2013) gehaltenen Rede anlässlich der Graduierung von der Alexander Alliance ausgebildeter Lehrer, geschrieben im langen, berüchtigten Stil F. Matthias Alexanders. Aufschlussreiche Fußnoten eingeschlossen.

Unsere wesentlichste Aufgabe als Lehrer und Schüler der Alexander-Technik besteht darin eine dem Lernen und Ver-Lernen*1 zuträgliche Atmosphäre zu schaffen, auf diese Weise die Gelegenheiten für sinnliches Wahrnehmungsvermögen *2 zu vermehren, worin unsere gewohnheitsmäßigen Muster des Tuns und Seins als überreichliche Energie *3 bewusst gemacht, akzeptiert, erkannt und erfahren werden können, sich positiv auflösen dürfen *4 und sich zugleich auf eine solche Weise wiedereinfügen dürfen *5, dass es die „wahre und primäre Bewegung“ anregt, *6 in jeder Handlung, und so eine überraschende Änderung der Eigenwahrnehmung hervorbringt, *7 während wir weiter Tun und Machen Handeln, Leben,nun *8, falsch zu fühlen riskierend, *9  in tieferem Kontakt interagierend, mit größerer Freiheit reagierend *10 als wir uns je vorstellen konnten.

 Fußnoten:

1.  Mitfühlende Einstellungen, die Menschen Lernen und Verlernen ermöglichen:

 Nicht-Verkleinernd: Es hilft nicht dich  selbst oder Schüler kleiner zu machen. „Moses der seine Hände auf Joshua legt mag verglichen werden mit einer Kerze, die eine andere Kerze zum Leuchten bringt. Ersterer geht keine Helligkeit verloren. Rabbinisches Midrasch zu 27:18

Nicht-Vergegenständlichend: Ich weigere mich „am Körper“ zu arbeiten. Ich entscheide mich bewusst mit Menschen zu arbeiten, mit dieser bestimmten Person, mit jener bestimmten Person. Ich berühre niemals den Körper der Person. Ich berühre nur den Mensch.

Nicht-Erzwingend: Ich weigere mich Anmut zu erzwingen. Ich entscheide mich bewusst  Wohlwollen, Intelligenz und Können in die konkrete Situation einzubringen. „Fließend wie schmelzendes Eis…hast du die Geduld zu warten bis sich dein Schlamm gesetzt hat und das Wasser klar ist? Kannst du ohne Bewegung verharren bis die richtige Handlung von selbst entsteht? Wenn dir klar wird, dass alles in Veränderung begriffen ist, gibt es nichts an dem du festzuhalten versuchen wirst. Weniger und weniger musst du etwas erzwingen.“
Laotse/ Stephen Mitchell

Nicht-Isolierend: Ich entscheide mich bewusst zu beobachten und die Wahrheit zu akzeptieren: Dass wir immer in Beziehung/ Verbindung zu jemandem/ etwas (zu einem Ganzen) leben. Ich weigere mich nur meiner selbst Gewahr zu sein unter Ausschluss anderer und der Welt. Ich weigere mich nur anderer und der Welt Gewahr zu sein unter Ausschluss meiner selbst.
„Drinnen, aber nicht eingeschlossen, draußen, aber nicht ausgeschlossen.“ Hildegard von Bingen
„Existenz ist Ko-Existenz.“ Rabbi Abraham Joshua Heschel

Nicht-Zielfixierend: Wie wir tun, was wir tun, während wir es tun, ist wichtiger als das Ergebnis des Tuns.

Nicht-Korrigierend: Korrigieren geschieht in der Regel zu schnell und gründet sich meist auf sehr viel Beurteilung und zu wenig Information. Ich entscheide mich neugierig zu werden, Fragen zu stellen, zu experimentieren und meine Schüler ihre Schlussfolgerungen selbst ziehen zu lassen.

Nicht-Konzentrierend: Selten ist es wünschenswert einer Figur einer Handlung oder eines Ereignisses mehr als 25 Prozent deiner Aufmerksamkeit zu widmen. Umgebung (background) ist schön, Orientierung schaffend, Ruhe spendend, Bedeutung tragend. Stell dir die Aufmerksamkeitsverteilung bei einem Fahrer vor, der zum ersten Mal hinter dem Steuer sitzt, und bei dem gleichen Fahrer nach jahrelanger Fahrpraxis, Bach hörend, die Straße unter den Händen spürend, sich der Landschaft erfreuend und gleichzeitig einem Freund zuhörend.

Nicht-Perfektionierend: Ich entscheide mich nach dem Weg nicht nach der Form, dem Ziel, dem Ideal zu suchen. Ich kümmere mich nicht darum, wie jemand aussieht. Mir schwebt keine in Stein gemeißelte Vorstellung vor. (engl. graven image: auf dt. auch Götzenbild) Mir geht es weniger um den Erwerb von Wissen als die Beseitigung von Blockaden. Mir geht es weniger um Lernen als um Zuwendung, Reife und Wachsen. Ich möchte die Qualität der Erfahrung, der Änderungssensibilität, der Aufmerksamkeit vertiefen, für meinen Schüler und natürlich für mich selbst.

Nicht-Eiled: „Als Alexander-Lehrer geben wir Menschen unsere Zeit. Wir geben Zeit. Du kannst eine Gewohnheit nicht ändern, wenn du in Eile bist.“ – Marjorie Barstow.

*2
sinnliches Wahrnehmungsvermögen – Sinneswahrnehmung ohne Urteil, gegründet auf dem Wunsch nach Verstehen und Orientierung.

Empfindungsvermögen (sentience) – die unmittelbare, genaue und umfassende Wahrnehmung der Realität durch einen harmonischen Gebrauch der Sinne, ohne Intervention von Sprache, Gedanken oder Analyse.

*3
„Energie ist ewige Freude.“ William Blake

 *4
F.M. Alexanders „Innehalten und Richtung“ (direction), Marjorie Barstows „Umverteilung von Energie (Tonus)“  – Aussagen, die beinhalten, dass die Energie des alten und neuen gleich ist und dass diese Energie zunächst aufhören muss sich auf eine bestimmte Weise auszudrücken, bevor sie sich auf eine andere Weise ausdrücken kann. „Unser gewohnheitsmäßiges Muster des Haltens ist unser wahres und primäres Muster, inkognito.“ Bruce Fertman

*5 „… auf eine solche Weise“ – bedeutet, dass die von Alexander-Lehrern gemeinte Änderung glaublich subtil und fein ist. Mit einer Mischung von Sensibilität, „Scharf-Sinnigkeit“, Wohlwollen, Wissen, Staunen – zu schwierig oder vielleicht zu einfach um sie zu beschreiben.

*6  Primärsteuerung, das dynamische Zusammenspiel von Kopf, Hals und Rücken, primäres Muster, tiefe strukturelle Integration des Muskel-Skelett-Systems, das Muster, das alles mit allem verbindet, das Muster der gegenseitigen Wechselwirkungen, der wechselseitig bedingt aufsteigenden und fallenden Ströme im Körper, der Lebenskraft in uns, unsere Vitalität

*7 Lies Oliver Sacks Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, Kapitel Drei, Die körperlos Frau mit einer bewegenden Schilderung zur Bedeutung der Eigenwahrnehmung

*8 „Struktur ist das Zeugnis einer vergangenen Funktion. Funktion ist die Quelle zukünftiger Strukturen.“ Ludwig von Bertalanffy

*9 F.M. begann gelegentlich eine Stunde, indem er zu seinem Schüler sagte: „Lass uns hoffen, dass etwas schief läuft!“

*10 Von Reaktionsfreudigkeit zu Reaktionsvermögen, von Impulsivität zu Spontanität, von Verdrängung zu Abwägung. Wie wir auf die Fülle, der sich ständig ändernden inneren und äußeren Reize reagieren.

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