Mustersehen

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Klassenraum Feldweg: Ist die hintere Wadenmuskulatur nicht verkürzt, fällt die Hocke leicht…

Jeder hat sie und jeder braucht sie – Gewohnheiten in „Haltung“ und Bewegung. Wie prägen sie den Körper und die ganze Person? Wie kann ich solche Muster erkennen?  Und wie schafft die Alexander-Technik Wahlmöglichkeiten, im Umgang mit Mustern? – Unter anderem um diese Fragen kreiste das Dezember-Ausbildungswochenende mit Britta und Irene.Muster sind bequem. Das Leben wäre mühsam, wenn wir das Radfahren jedes Mal neu lernen müssten, wenn wir auf ein Rad steigen. Aber manche Muster machen uns zu schaffen – machen jede Handlung mühsamer, können Schmerzen bereiten, wenn sie in Widerspruch zum natürlichen Bauplan/ zum Design des Körpers stehen.

Britta mit ihrem anatomischen Expertenwissen und ihrem pantomimischen Talent Muster nachzuahmen, führte uns ein in die Handwerkskunst Muster zu erkennen und zu verstehen. Sie setzte uns detailliert auseinander, welche Auswirkungen welche körperliche Muster auf welche Muskeln haben und wie das im Alltag zu Schmerz und körperlichem Verschleiß führen kann. Irene bot für jeden eine Einzelsitzung an, (in der es sicherlich auch um individuelle Mustern jedes Einzelnen im Selbstgebrauch oder in der Berührung ging.)

Um eine Gewohnheit zu ändern, muss ich sie zunächst erkennen können. Je genauer ich das kann, um so effektiver kann ich daran arbeiten. Dazu haben wir uns einige typische körperliche Muster konkret und im Detail angesehen. Ein Schwerpunkt bildete dabei das Becken: Kippt es nach vorn oder nach hinten und welche Auswirkungen hat das auf den Rest des Körpers. Muster sind nicht lokal begrenzt, sondern können Kompensationen überall im Körper nach sich ziehen.

Ein Beispiel: Habe ich die Knie beim Stehen gewohnheitsmäßig gebeugt, stehen Unter- und Oberschenkelknochen nicht übereinander und können das Gewicht nicht tragen. Diese Aufgabe übernehmen dann die umliegenden Muskeln und Bänder. Das kann dazu führen, dass das Becken gewohnheitsmäßig nach hinten abgekippt ist, ungefähr so wie bei einem Hund, der den Schwanz einzieht. Weiter oben kann das dann vielleicht zu einem Einsinken des Brustkorbs und hängenden Schultern führen und zu einem Kopf, der nicht über der Wirbelsäule balanciert, sondern fortwährend nach vorn geschoben herumgetragen wird und nach unten zieht – so dass das Gewicht des Kopfes mehr von den Muskeln des hinteren Halses gehalten werden muss.

Jeder entwickelt sein eigenes, individuelles Muster  – seine Signatur, die so einzigartig wie der Fingerabdruck ist. Und das sich in jedem Augenblick neu zeigt – wo ich stehe und gehe.

In solchen alltäglichen Situationen – beim Stehen, Gehen und Sitzen – haben wir das Mustersehen studiert: anatomisch – also welche Muskeln, Sehnen sind verkürzt oder überdehnt, mittels Sehen und Berühren, aber auch durch Nachahmen und Nachempfinden.

Bruce hat das mal so beschrieben:

Die 3 Arten des Sehens
1. Mechanische Anatomie: Sieh was sich äußerlich abspielt
2. Emotionale Anatomie: Stell dir vor wie es sich für diese Person anfühlt
3. Kinästhetische Emphatie: Spüre wie dein Körper dieses Gefühl fühlt

Muster weisen über die rein anatomische Ebene hinaus. Da wir weder nur Körper, noch nur Geist sind, sind auch Muster nicht nur rein körperlich. Das Muster hat seinen körperlichen Ausdruck und spiegelt so die aktuelle Version von Identität einer Person. Es zeigt und hat Rückwirkung darauf, wie ich die Welt sehe, welche Gefühle ich habe und wie und ob ich sie wahrnehme. Aber auch auf welche Gedanken ich komme und welche Emotionen diese dann auslösen…

Muster und Alexander-Technik

Deshalb berührst du nicht ein Muster, nicht ein nach vorn kippendes Becken, du arbeitest  immer mit einem Mensch wie Britta es ausdrückt:

„Es ist alles verbunden. Ich arbeite mit dem ganzen Sein und doch ist mein Zugang durch den Körper. Die Berührung bringt dich in Kontakt mit diesem Sein.“

Dabei versuchst du nicht „Fehlhaltungen“ zu korrigieren, sondern diese Person, dieses Sein kennenzulernen, Fragen zu stellen, Vorschläge zu unterbreiten nach der Idee:

„Bereite nichts vor, sei für alles bereit.“
(Prepare for nothing, be ready for anything.)

„Jeder spricht auch anders an: je nachdem, ob jemand die Welt eher durch rationale Analyse begreift – „im Kopf“ lebt oder eher im Fühlen ist, ob jemand sehr in Mustern lebt oder ob da eine Offenheit vorhanden ist.“

Muster ändern sich nicht in der Vergangenheit oder in Zukunft, sondern immer nur in der Gegenwart.

„Die Alexander-Technik ist das Werkzeug, das dich in das Hier und Jetzt bringt. Die Berührung bringt dich in das Hier + Jetzt.“

Die Alexander-Technik setzt an in dem Bereich zwischen dem Reiz und (unbewusster) Reaktion, also bevor ein Muster gewohnheitsmäßig abspult. Innehalten bietet dir einen Moment der Bewusstheit, einen Freiraum, in dem du wahrnehmen kannst, wie du tust, was du gerade tust. Und jedem dieser Momente eröffnet sich die Gelegenheit das Muster zu ändern, indem du dir richtunggebende Anweisungen (Direktiven/ directions) erteilst.

„Du erhältst eine Wahlmöglichkeit.“

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