Fließendes Leben

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Bis auf die Knochen durchnässt

Schwammartig.
Je mehr er aufsaugt desto weicher und größer wird er.
Saugend. Sickernd. Sättigend.
Durchlässig. Durchdringend.
Grau. Dunkel. Verschwommen.
Lebenswichtig.
Ohne Gestalt. Ohne Form.
Alles erfüllend.
Wie wissen wir das?
Wir wissen nicht wie wir das wissen.
Wir tun es einfach.

Passage 21 aus “Wo dieser Weg beginnt”

Kommentar

Laotse scheint zugleich Philosoph, Pragmatiker, Mystiker, Naturalist, politischer Berater, Coach und der Großvater, den wir immer haben wollten, zu sein.

In dieser Passage spricht Laotse der Mystiker. Er möchte uns Einblick geben in das Ursprüngliche, in die formlose, fruchtbare, kosmische Kultur, aus der alles Leben entsteht und gedeiht.

Die Passage mag manchem obskur erscheinen, für mich ist sie präzise und real. Wenn ich gut unterrichte, ist es das, was ich berühre. Meine Hände berühren jemanden. Aber dann, ohne genau zu wissen wie, „tauchen“ meine Hände ein und es ist da etwas dunkles, verschwommenes, vitales, etwas flüssiges, bewegtes, ohne Form und Struktur. Meine Hände berühren und sprechen an auf den „Stoff“, aus dem das Leben ist, das Leben selbst, fließendes Leben.

Wenn meine Hände in dieses fluide Medium einsinken, eintauchen, hineinschmelzen, ist das augenblicklich für meinen Schüler und mich zu spüren. Es ist als ob wir ohne es zu wissen zuvor nur halb lebendig gewesen wären. Und dann, als ob jemand einen Schalter betätigt hätte, sind wir hellwach.

Als Lehrender tue ich mein bestes die Arbeit, die wir machen, zu entmystifizieren. Ich versuche eine einfache, zugängliche Sprache zu benutzen. Ich vermeide abgehobenes Fachvokabular. Ich stelle Fragen, erzähle Geschichten, benutze Sprachbilder. Aber manches bleibt auch mir ein Mysterium und das lässt sich auch nicht ändern.

Während eines Workshops fragte mich eine Ergotherapeutin, woran ich dachte, als ich jemand berührte.  Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. I wollte eine ehrliche Antwort geben. Hatte ich tatsächlich gedacht? Was hatte ich gemacht? Schließlich sagte ich ihr, ich hätte keinen Gedanken im Kopf gehabt. Nicht zu denken ist zutiefst erholsam und beruhigend für mich, ein stilles Vergnügen. Ich bin einfach Wasser, das Wasser berührt.

Während eines Alexander-Events an unserer Schule hatten wir Elisabeth Walker als Gast-Lehrerin bei uns. (Elisabeth Walker zählte zu den Alexander-Lehrern der ersten Generation. Zu der Zeit war sie 88 Jahre alt.) Sie machte ein kleines Schläfchen nachdem sie den ganzen Morgen unterrichtet hatte. Ich klopfte vorsichtig an ihre Tür um sie zu einer Tasse Tee vor dem Nachmittagsunterricht zu wecken. „Elisabeth, kann ich dir einen Tee anbieten?“ „Nein Bruce, ich brauche keinen Tee.  Ich brauche einen Schüler.“

Wenn Elisabeth unterrichtete, berührte sie den Stoff des Lebens. Sie benutzte selten den Begriff Primärkontrolle oder primäre Bewegung. Manchmal benutzte ich den Ausdruck primäres Muster. Elisabeth gefiel das, aber einmal sagte sie zu mir: „Bruce, alles was wir wirklich berühren ist die Lebenskraft.

Deshalb ist es so ein Segen ein Alexander-Lehrer zu sein. Wir dürfen das Wasser des Lebens in unseren Händen halten.

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