Rückkehr zum Ursprung

20081205_4944_2„Wäre F.M. Alexander auf der Bühne nicht heiser geworden, wären wir heute nicht hier“, eröffnete Célia das Februar-Ausbildungswochenende. Alexanders Stimmprobleme als Rezitator und Vortragskünstler bildeten den Ausgangspunkt seines jahrelangen  Experimentierens und seiner Selbstversuche, aus denen sich  die Alexander-Technik entwickelte. Wir nutzten die Kürze des Wochenendes mit Célia und Astrid, um die Weite des Feldes zum umreißen und einige Zugänge zum komplexen und facettenreichen Thema Stimme, Sprechen und Alexander-Technik zu finden.

Woraus entsteht die Komplexität?

“Sprechen ist eine hoch automatisierte, komplexe Tätigkeit. Sie erfordert die fein abgestimmte Koordination von über 100 Muskelgruppen der drei Funktionsbereiche Artikulation, Phonation und Atmung. Sprechen … ist die komplizierteste motorische Tätigkeit, die der Mensch erlernt und ausführt.“
Quelle: hier

„Sobald ich in die Sprache gehe, bleibt die freie Stimme schnell auf der Strecke, so stark ist das Sprechen mit der Person und dem Ego verknüpft. Es ist das Schwierigste überhaupt, die damit verbundenen Gewohnheiten zu ändern. Das in Frage zu stellen kann jemand schnell in Frage stellen. Aber wenn du es schaffst, diese Störfelder beim Sprechen loszuwerden dann sind Gedanke, Gefühl und Körper im Einklang.“ (Célia)

Die Bestätigung erlebten wir gleich zum Auftakt als wir versuchten herauszufinden, welche unbewussten (körperlichen) Muster wir beim Sprechen haben. Ein Partner berührte während wir ins Gespräch vertieft waren. Wie Célia meinte, wirkten wir dabei „wie ein Rudel hungriger Hunde, die beim Fressen nicht gern gestört werden“.

Die Stimme ist Ausdruck der Persönlichkeit. Sprechen vermittelt unsere bewussten Gedanken mittels der Stimme, die wiederum zugleich zusammen mit Gestik, Mimik, Körpersprache Teil der non-verbalen Kommunikation. Die Stimme kann unsere Gedanken und Gefühle, die Persönlichkeit im Sprechen enthüllen und zugleich verhüllen.

Stimme und Sprechen beziehen die ganze Person ein, in einem verwickelten Zusammenspiel von Körper und Geist (mind). Es ist ein Zusammenspiel von unwillkürlich Gesteuertem (Kehlkopf, Atem) und willkürlich Steuerbarem (Kiefer, Lippen), Bewusstem (Gedanken) und Unbewusstem (Gewohnheiten), von Absicht und Reflex und steht unter dem Einfluss von Gedanken, Emotionen und von persönlichen, sozialen, kulturellen Mustern  – die sich immer auf den ganzen Körper auswirken.

Alexanders Beobachtungen

Das stellte schon F.M. Alexander fest: Laut Bruce bildete Bühnenangst die Ursache für F.M. Alexanders Stimmprobleme. Alexander beobachtete, dass er sobald er nur daran dachte vorzutragen, er den Kopf in den Nacken warf (und damit seinen Kehlkopf presste), seinen Brustkorb nach oben zog (und damit seinen Rücken schmal machte und seine Wirbelsäule zusammenpresste und das freie Atmen behinderte) nach Luft schnappte und darüber hinaus noch seine Füße versuchten den Boden zu krallen, seine Beine übermäßig anspannte…

Grenzbereiche zwischen Willkürlich und Unwillkürlich

Einiges aus dem Grenzbereich zwischen willkürlich und unwillkürlich, bewusst und unbewusst haben wir uns genauer angesehen.

Atmen läuft unwillkürlich (automatisch) ab. Die Luft strömt durch den Atemmechanismus selbstständig ein und wieder aus. Allerdings können wir willkürlich Einfluss nehmen – durch bewusstes Mitatmen, durch unbewusste Muster, wenn beispielsweise bei Angst oder Stress der Atem flacher wird.

„F.M. Alexander sagte: ‚Letztendlich habe ich festgestellt: Wenn ich nicht atme, dann atme ich.’ Wir werden geatmet von Kräften in uns und um uns herum. Atem muss nicht geholt werden. Er ist ein Geschenk, das empfangen werden will.“
Bruce Fertman

Zunge: „Die Zunge ist der schlimmste Feind des Sängers. Zungen können einen starken Willen haben und den Weg versperren. Aber natürlich brauchst du eine Zunge für die Artikulation.“ (Célia)

Gaumen, Kiefer, Lippen: enge Verbindung zum Kopfgelenk und damit zur Gesamtkoordination.

Zugänge – Störungsfreie Tonproduktion ohne Aufwand

Eine klassische Prozedur der Alexander-Technik ist das „Whispered Ah“ (das gehauchte A) als und Vorlage für das Sprechen. Ziel ist es die störungsfreie Produktion eines Lauts zu erfahren. Ohne dass Gaumen, Kiefer, Lippen, Zunge übermäßig anspannen, ohne dass der Kopf in den Nacken gepresst und damit die Gesamtkoordination des Körpers gestört wird. (der Rücken sich weitet und längt, der Hals frei wird/ bleibt, der Kopf ruht auf der Wirbelsäule – der Schall hat ein möglichst freie Passage und der Kehlkopf ist nicht gepresst). Warum nur gehaucht? Weil so die Stimmbänder nicht aktiviert werden und der Kehlkopf offen und frei bleiben kann. Beim Whispered Ah lässt man die Atemluft lediglich störungsfrei auströmen.

Seufzer der Erleichterung (sigh of relief) – ein anderer Ansatz von Kristin Linklater (beruht auf der gleichen Grundannahme, das die natürliche Stimme lediglich von allem Störendem befreit werden muss.)

Daneben wir viel viel getönt, viele  Übungen gemacht, um den Gebrauch der Zunge zu beurteilen und verschiedene Tricks angewandt, sie spannungsfrei zu gebrauchen. Zum Beispiel beim Artikulieren von Zungenbrechern. Zum Ausprobieren hier ein von Célia eigens gedichtetes „Lehrmittel“:

„Ina hielt inne als Inge halt nichts von Innehalten hielt.“

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