Sprudelnde Lebenskraft

IMG_2631Was ist Alexander-Technik? Was und wie ist ein Lehrer, ein Schüler? Was bedeuten Lehren und Lernen? Die immer neue Auseinandersetzung mit diesen Fragen zieht sich durch die Ausbildung. Hier als zusammen-hängender Text einige Gedanken Robyn Avalons, notiert während der Oster-Ausbildungswoche. Sie geben Einblick, wofür die Alexander Alliance steht, wie wir ausbilden und welche Lehrer wir uns wünschen.


If you are alive movement is.
(Wenn du lebendig bist, ist Bewegung.)

Bewegung und Alexanders Prinzip der Richtung (direction)

FlussFlüsse bewegen sich. Es gibt viele verschiedene Strömungen in verschiedenen Richtungen einem Fluss. Das ist ein natürlicher Vorgang. Richtungen wohnen dem Körper inne. (Directions are inherent to the body.) Aber manchmal verkeilen sich Baumstämme, Treibholz im Fluss und es kommt zu Stauungen. Das Wasser schießt wild umher, um sich seinen Weg um das Hindernis zu suchen. Teil deiner Aufgabe als Alexander-Lehrer ist es

1 solche Stauungen zu finden
2 die Hölzer so zu lösen, dass sie keine Probleme verursachen (Verspannung, Schmerz, Verschleiß…), herauszufinden, wie der Fluss bequemer um das Hindernis fließen kann.

Manchmal liegen auch große Felsbrocken und Steine im Wasser und es fließt darum herum – eine natürliche Bewegung in einer natürlichen Landschaft. Menschen sind asymmetrisch und seltsam geformt, weil das eine natürliche Sache ist. Als Lehrer kommen wir deshalb nicht mit Bulldozern und bauen einen geraden Kanal. Es ist Teil deiner Fertigkeiten zwischen Steinen und Baumstamm-Stauungen zu unterscheiden.

Ich richte meinen Blick auf die Muster des Selbstgebrauchs eines Menschen, die er unter seinem “normalen”, gewohnheitsmäßigen Kostüm des Gebrauchs trägt. Beide spürst du in deinen Händen. Wenn du lediglich ein anderes Kostüm “hinzufügst” – mit der Vorstellung von richtig und falsch – kannst du vielleicht mehr Leichtigkeit, mehr strukturelle Unterstützung, weniger Schmerz bewirken … aber es ist nicht mehr der Mensch selbst.  Du vermittelst deine kinästhetische Erfahrung (experience) – das ist Mogelei.

Alexander-Technik ist die Erforschung sprudelnder Lebenskraft, nicht die bloße Anwendung von Feinheiten der Körpermechanik. Wir studieren natürliche Bewegung, nicht steife Kostüme.

Wie findest du heraus, was sich hinter dem Kostüm verbirgt? Der Weg dahin beginnt mit einer Frage: Was muss jemand lösen, loslassen, nicht-tun (un-do)? Oder: Warum ist dieses Muster unter den aktuellen Umständen folgerichtig? Das Nervensystem trifft die perfekte Wahl, hat die perfekte Antwort für das Puzzle, das ihm sein „Besitzer“ aufgibt.

Gewohnheiten

Du kannst nicht etwas neues machen, wenn du nicht weißt, was du machst. Gewohnheiten, Muster sind an sich weder gut noch schlecht, nur per definitionem das, was wir tun, wenn wir nicht bewusst wahrnehmen.

Unterrichten heißt mit dem Nervensystem zu sprechen, damit es wieder mitspielt. Ich kenne nicht die ideale Wahlmöglichkeit, aber das Nervensystem der Schüler kennt sie. Ihr Nervensystem vollzieht die Veränderung. Der Fluss bewegt die verkeilten Baumstämme, die du gelöst hast. Du selbst musst es nicht wissen und tun. Was die Tür öffnet, ist eine Frage – Was müssen sie lösen, loswerden? – sodass das Nervensystem eine andere Möglichkeit herausfinden kann.

Anatomie selbst ändert sich nicht. Es ist die gleiche grundlegende Struktur in allen Menschen, aber immer mit verschiedener Perspektive. Ihre irrigen Annahmen, ihre Beziehungen, ihre Fantasien zur Anatomie prägen den Gebrauch. Wir interessieren uns weniger für Anatomie selbst als den Gebrauch dieser Strukturen in Abhängigkeit von der Idee davon. Du musst diese Ideen eines Menschen zum eigenen Körper kennenlernen, sonst kannst du kein Alexander machen. Erst muss sich ein bestimmter Glaubenssatz ändern, bevor das Nervensystem etwas ändern kann. Die körperliche Erscheinung ist immer an mentale Muster geknüpft. Deine Vorstellung davon, was deine Hand ist, wird maßgeblich beeinflussen, wie du sie benutzt.

Deine angeborene, natürliche Koordination kommt dann zum Vorschein, wenn die Vorstellung deiner tatsächlichen Körperstruktur nahe kommt. Wenn beides übereinstimmt, sagt dein Nervensystem: „Wow, es geht leicht!“

Lehren und Lernen

Unterrichten heißt ein Umfeld zu schaffen, indem Lernen von allein geschieht. Wellen geschehen. Manche nennen es primäre Bewegung. Du löst die verkeilten Baumstämme im Fluss, damit Wellen in einer Person entstehen. Was wäre, wenn Lernen wie eine angeborene Welle ist? Kinder sind von Natur aus neugierig, Neugier ist angeboren, sie entsteht wie Wellen. Beobachte einfach mal ein Baby wie es seine Finger untersucht. So überleben wir.

Was, wenn wir die Bedingungen schaffen würden, die es Menschen erlauben, von ihrer angeborenen Neugier unterrichtet zu werden?

Oft stellt sich die Frage, wie diese Neugier im Laufe eines Lebens geformt, strukturiert wurde, wie zugänglich sie ist. Beim Unterrichten schaffst du die Bedingungen, die Lernen geschehen lassen. Du siehst die Hindernisse – die verkeilten Baumstämme im Fluss, die Glaubenssätze – und du bringst sie in Bewegung, so dass Lernen geschieht.

Es ist etwas anderes, ob du ein Ziel hast – etwas richtig zu machen, zu korrigieren oder ob du ohne zu werten beobachtest, was geschieht und was es wie bewirkt. Das führt zu einer grundverschiedenen Lernerfahrung.

Jemand kommt „Ich habe Probleme meinen Arm zu heben.“ Du kannst sagen: „Okay, hier sind die 5 Dinge, die ich dir beibringen kann.“ Und es gibt viele, die dieser Idee „Ich bin der Lehrer, ich muss es wissen.“ aufsitzen. Aber wenn du sagst: „Ich weiß es nicht.“ kannst du deine Werkzeuge anders einsetzen. Meine Definition eines Lehrers geht so:

Ein Lehrer ist jemand, der mehr Fragen hat als du selbst.

Marj Barstow fragte oft „Wie wäre es, wenn…?“. Fragen bringen Schüler zu einem „Aha?“. Sie führen in die Arena der Wahlmöglichkeiten, sie schaffen Spielraum für Veränderung. Alles fühlt sich anders an, selbst wenn du bei deiner gewohnheitsmäßigen Wahl bleibst. Ich habe keine Präferenz für eine bestimmte Wahl.

Lehrer und Schüler

Als Lehrer hilfst du deinen Schülern sich Klarheit über ihre Rolle zu verschaffen. Die eigentliche Arbeit erfolgt zwischen ihnen und ihnen (Schülern). Du bist ein Übersetzer um ihre Kinästhesie zu verstehen. Sie müssen wach sein, fragend, aufmerksam beobachtend. Und das förderst du mit deinen Händen und verbal. Sie müssen teilnehmen an der Suche nach einer Antwort, sonst können sie es nicht eigenständig anwenden, wenn du ihnen lediglich eine kinästhetische Erfahrung vermittelst. Mehr Fragen als Antworten zu finden, ist eines der Schlüsselkriterien, die es zu Alexander machen und nicht Turnen.

Es geht nicht darum Antworten geben, nicht um ‚ich repariere dich’, sondern um ‚du entwickelst eine Beziehung zu dir selbst’.

Wann ist es Alexander

Der erste Schritt ist immer: Du berührst einen Menschen nicht lediglich einen Körper. Das ist ein großer Unterschied. Wenn du diesen Schritt überspringst, machst du keine Alexander-Technik. Wir machen nicht Körperarbeit, sondern Mensch-Arbeit.

Diese Arbeit hat keinen Zweck, wenn du Menschen nicht erreichst. Dann kannst du gleich, was anderes lernen…

Wenn ich wirklich berühre, ist das persönlich, vertraut als ob ich dich wirklich sehen und erkennen würde.

Ich kümmere mich weniger darum, was sich wie bewegt hat, sondern ob ich dich „berührt“ habe. Dieser Aspekt ist essentiell.

Ja, Alexander-Technik ist eine lebenslange Auseinandersetzung und es geschieht sobald du eine Frage stellst: Wer lebt hier? Was wir erlernen ist nicht die Fähigkeit es zu tun. Wir lernen die Fähigkeit zu erkennen, dass wir es getan haben und wie. Es ist angeboren, ein Teil des Ein-Lebewesen-Sein. Wir machen es einfach als Menschen. Das ist ein natürlicher Vorgang. Und sobald du es tust, machst du Alexander.

Ganz gleich wie weit du Fähigkeiten verfeinerst und dich entwickelst, es wird immer eine neue Frage geben.

Je sensibler deine Antennen werden um so sensibler und feiner wirst du sehen, wahrnehmen und fragen.

 

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