Alles in einem Tag Arbeit

Photo: B. Fertman

Photo: B. Fertman

Kleine, feine Reportage über einen Workshop von Bruce Fertman in Japan und die ganze Vielfalt der Alexander-Arbeit.

Da ist dieser Mann. Wenn er spricht, schaut er nervös nach oben und nach rechts, fortwährend zwinkernd. Warum? Ich habe keine Ahnung. Ich versuche es auch nicht herauszufinden. Ich bitte ihn, mir zu erzählen, was bei seiner Arbeit schwierig ist. Er setzt an zu sprechen. Ich berühre seinen Arm, sobald er nach oben schaut, was er ungefähr aller drei Sekunden macht. Er kann nicht glauben, dass er es so häufig tut. Bald bemerkt er es jedes Mal. „Sobald du bemerkst, dass deine Augen nach oben und rechts wandern, unterbrich alles. Beweg dich nicht, sprich nicht. Frag dich nur: ‚Was würde passieren, wenn ich einfach aufhören würde nach oben und rechts zu sehen?’“ Er beginnt zu sprechen. Seine Augen schnellen nach oben rechts. Er stoppt. Fast kann ich hören, wie er sich die Frage stellt. Unmittelbar senken sich seine Lider, seine Augen beginnen sich zu wässern und ziehen sich in die Augenhöhle zurück. Sein ganzer Körper entspannt sich und er fängt an zu atmen, als wäre er ein gerade wieder auferstandener Mann. Ich stelle ihm weiter Fragen, und während der nächsten zwei Minuten schaut er mich an und spricht ohne ein einziges Mal nach oben rechts zu blicken.

Da ist diese Frau, deren Augen zu groß, zu offen sind. Seit sie ein kleines Mädchen war, wurde ihr gesagt, dass ihre Augen schön sind. Ich frage sie, ob sie sich an die Zeit davor erinnern kann, also noch keiner ihr sagte, ihre Augen seien groß und schön. Sie denkt lange nach und sagt dann nein, kann sie nicht. Es ist als ob sie erst in dem Moment geboren wurde als die Leute anfingen ihr über ihr Aussehen zu erzählen.

Da ist eine Mutter, über ihren kleinen Sohn gebeugt, um ihn zu beschützen und im Gleichgewicht zu halten während er läuft. Ihr ist nicht bewusst, dass ihre Hand auf seinem Kopf ruhen kann, wenn er tatsächlich aufrecht steht. Dass sein Arm sich ganz leicht und frei weit über seinen Kopf hinaus längen kann. Dass alles, was ihr Kind braucht und tatsächlich möchte, einfach nur leicht ihren Zeigefinger halten, ist. Sie probiert meinen Vorschlag aus, steht auf, bietet ihren Zeigefinger an, ihr Sohn schaut, nimmt ihn und lächelt.

Da ist dieser Mann, der sich beim Stretching quält. Er scheint sich zugleich zu dehnen und davon abzuhalten zu dehnen. Ich lasse ihn den Unterschied spüren zwischen Bewegung mit und Bewegung ohne Dehnen. Ich bitte ihn in eine Dehnung zu gehen, langsam, und diese Bewegungen fortzusetzen solange er keine Dehnung spürt. Ich lasse es ihn mehrer Male wiederholen. Ich schlage ihm vor weitere Bewegungen zu machen –spiralige, runde Bewegungen durch den ganzen Körper – ohne zu dehnen. Ich laufe still hinter ihm und lege meine Hände kaum spürbar auf seine Arme, kurz über seine Ellbogen. So folge ich seinen Bewegungen und bewirke dabei ein müheloses Lösen in seinem ganzen Körper. Seine Bewegungen entwickeln Anmut, werden frei statt eingeengt. Seine Bewegungsfreiheit hat sich merklich vergrößert. „Wie fühlt sich das an?“, frage ich. „Ich fühle mich locker und wach“, sagt er. „Das ist, was wir erreichen wollen beim Dehnen, oder?“ „Ja“, sagt er, etwas verdutzt.

Da ist die Sängerin. Nach jeder musikalischen Phrase schnappt sie nach Luft, ihr Brustkorb fällt nach unten, ihre Schultern hängen nach vorn, ihr Kinn hebt sich, ihr Hinterkopf presst nach unten in den Hals. Du kannst hören, wie sie die Luft einsaugt. Sie beginnt zu spüren, was sie beim Singen macht, zu hören, wie sie nach Luft schnappt. Es ist ein Anfang.

Da ist der Geschäftsmann, der „eh“ (unser öhm) zwischen jedem Satz sagt. Der, wenn er das „eh“ weglässt, glasklar im Ausdruck wird, erfüllt von wirklichem Selbstvertrauen, klarer denkt und sofort jeden im Raum wach und aufmerksam macht.

Das ist der Mann, der gern wandert. Es bereitet ihm Schwierigkeiten seinen Rucksack aufzusetzen. Er hat einfach nicht bemerkt, dass er die Trägergurte verlängern und dann mit einem leichten Schwung den Rucksack fast von allein auf seinen Rücken gleiten lassen kann.

Eine Frau in den Dreißigern ist gefangen in einer Manier kindlicher Niedlichkeit. Sie bewegt sich als wäre sie eine nervöse 12-Jährige. Weil sie weiß, dass ich zum Unterrichten meine Hände benutze, warnt sie mich, sie sei äußerst kitzelig. Ich nicke und bitte sie zu mir zu laufen. Sofort setzt die Niedlichkeits-Manier ein: schnelle „süße“ Körperausdrücke wie seitliches Neigen des Kopfes und Lächeln, wobei eine Hand den Mund abdeckt, ein Fuß sich eindreht und sie unschuldig zwinkert. Sie läuft zu mir. Ich bitte sie zurückzugehen. Nach einigen unbewussten „Niedlichkeiten“ geht sie. Ohne im mindesten süß, nett, noch gemein zu sein, beschreibe ich ihr faktisch und präzise ihre Gesten und Ausdrücke. Die Wahrheit. Ich sage ihr: „Entscheide dich beim nächsten Mal, wohlwollend, das alles wegzulassen und einfach nur zu mir zu laufen.“ Das Lächeln weicht aus ihrem Gesicht. Sie verharrt für zehn Sekunden, bevor sie losläuft. Während der nächsten fünf Minuten lasse ich sie in verschiedene Teile des Raums laufen und dabei die Niedlichkeiten wegzulassen. Während des ganzen Wochenendes zeigt sie sich als eine erwachsene Frau. Gegen Ende des Workshops scheint sie zu vergessen, dass sie kitzelig ist. Sie empfängt meine Berührung wie alle anderen auch.

Da ist die Taichi-Lehrerin, deren Taichi-Form bereits exquisit ist. Sie wird sogar noch besser als ich vorschlage, dass sie nicht nach unten schaut, dass sie zuerst in die Richtung blickt, in die sie will und sich dann dahin bewegt.

Da ist die Krankenschwester, die glaubt, Kopf und Augen nahe an den Patienten heranbringen zu müssen, um Anteilnahme zu signalisieren. Tatsächlich löst es Unbehagen beim Patienten aus. Sie entdeckt: wenn sie einfach steht, wo sie ist und dabei ihrem Kopf erlaubt über ihrer Wirbelsäule zu bleiben und dann von dort ihren Patienten anblickt und anspricht, bewirkt das wirkliches Vertrauen und ein Gefühl von Sicherheit, genau was sie möchte.

Da ist das Kleinkind, das auf dem Schoß seiner Mutter einschläft. Hintenüber gerollt lehnt das Kind an der Brust der Mutter, sein Kopf nach hinten gekippt, der Mund offen. Die Mutter hat die Hände um den Bauch des Kindes. Ihre Schulter hängen nach vorn. In ihren Händen ist Spannung. Ihre Knie pressen gegeneinander, ihre Fußspitzen sind nach innen gedreht, eine Ferse in der Luft über dem Boden gehalten. Um das Kind nicht aufzuwecken, ziehe ich mir leise einen Stuhl heran und setze mich hinter sie. Sanft berühre ich sie mit den Händen an beiden Seiten des Halses. Die Spannung im Nacken löst sich und entlässt so ihren Kopf nach oben über ihre Wirbelsäule. In rascher Folge weiten sich ihre Schultern, entspannen ihre Hände und scheinen größer zu werden. Ihre Oberschenkel lassen los und ruhen nun auf dem Stuhl. Die Knie lösen sich von einander, die Ferse sinkt zum Boden, die Fußspitzen drehen ganz leicht nach außen.
Gleichzeitig schließt sich der Mund des Kindes und sein Kopf kommt aus der Schieflage. Ich blicke mich im Raum um. Manchen treten die Tränen in die Augen. Ich beuge mich um die Mutter, um zu sehen, wie es ihr geht. Ein Strahl der Nachmittagssonne fällt auf ihr Gesicht. Sie sieht aus wie die Madonna mit dem Kind.

Meine Arbeit für den Tag ist vollbracht. Ich werde ausgehen, wie so viele Arbeitende in Tokyo, mit Freunden zusammen essen, ein kaltes Bier trinken; nicht die Menschen beobachten, wie sie sich bewegen, sprechen; nicht darüber nachdenken, wie es vielleicht leichter gehen könnte. Ich werde mich einfach zurücklehnen, glücklich sein, nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen und Menschen genau so sein lassen zu können, wie sie sind.

Das englische Original „All in a days work“ findet sich auf Peacefulbodyschool.com

 

2 Gedanken zu „Alles in einem Tag Arbeit

  1. Das ist ein wunderbarer Posten – und berührt – ohne Versuch zu definieren – die Essenz der Alexander Technik. Danke, Bruce.

    • thank you magdalena. yes, perhaps it is more subtle to describe, almost report, what happens inside of the work, and to refrain from defining it. this way the reader gets to come to their own conclusions based upon what was important to them. i hope you will come and join us this summer. then you get to meet Hendrik!

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