Im Dunkel des Tageslichts

blind daylightJe mehr sich die Sinne der Welt öffnen, desto mehr öffnet sich uns die Welt. Und die Mauern fallen in sich zusammen. Eine Geschichte aus Alexander-Land…

Sie sitzt unten in der U-Bahn auf einer blauen Decke. Ihr Haar fällt golden, glatt, lang ihren Rücken entlang. Neben ihr liegt ein schwarzer Labrador, das Kinn auf gekreuzten Pfoten ruhend. Die Guitarre auf dem Schoß singt sie einen Song, den ich nicht kenne. Albums und Kassetten stapeln sich neben einem kleinen Korb, den hauptsächlich Münzen und einige wenige kleine Scheine füllen.

Ihr Song endet. Der Hund setzt sich auf. Ich lege einen Ein-Dollar-Schein in den Korb – obwohl ich damals nur von einem mageren Wochenbudget von 25 Dollar lebte – und frage sie, wer den Song geschrieben hat. Sie sagt, sie selbst. Sie fragt mich, was ich mache. Ich tanze in einer Kompanie für zeitgenössischen Tanz, lerne Tai-Chi, und ich fange gerade etwas zu unterrichten an, das sich Alexander-Technik nennt.

Oh, ich habe von der Alexander-Technik gehört. Ich würde liebend gern Unterricht nehmen. Meine Stimme ermüdet nach spätestens einer Stunde, mein Rücken auch. Ich frage sie, wo sie lebt. In Germantown.
Ich auch. Ich gebe dir gern Stunden im Austausch gegen eins deiner Alben.
Abgemacht, sagt sie und gibt mir ein Album und eine Kassette.

Ellen klingelt pünktlich an der Tür. Die Stufen hoch und dann geradeaus durch die Küche nach hinten, sage ich. Die Stufen hoch und geradeaus durch die Küche nach hinten, sagt sie zu ihrem Hund. Der Hund führt sie, Ellen folgt und ich folge Ellen. Beobachtend wie sie die Treppe hochgeht, sehe ich wie ungewöhnlich aufrecht sie ist, aber recht steif im gesamten Körper. (Später erfahre ich, dass ihre Steifheit zum Teil vom jahrelangen Gehen mit einem Stock und wiederholten Zusammenstößen mit Seitenspiegeln von Lastwagen und ähnlichem herrührt – Dinge, die ihr Hund jetzt voraussieht und meidet.)

Nach einer kurzen Einführung in die Alexander-Technik, schlage ich vor, damit anzufangen, wie sie einfach nur im Stuhl sitzt. I ermuntere sie sich langsam und weich im Stuhl hängenzulassen (Engl.: slump). Ellen, sage ich, sich hängenlassen und aufrecht sein sind nicht zwei verschiedene Positionen, eine richtig, eine falsch. Beides zusammen bildet eine Bandbreite an Bewegung und Emotion, ein Kontinuum. Du kannst lernen – entlang dieses Kontinuums – bequem nach oben und nach unten zu gleiten. Wir verbringen ein gutes Stück Zeit mit dieser Idee, bis ihre Steifheit, die sich wie Angst unter meinen Händen anfühlt, verschwunden ist.

Ellen, sage ich aus reinem Eigennutz, sing bitte einen Song. Sie lächelt ihr großes, ausdrucksstarkes Lächeln und sagt: Dafür werde ich keine Guitarre brauchen…

I see trees of green, red roses too.  I see them bloom,  for me and you.  And I think to myself, what a wonderful world. 

I see skies of blue, and clouds of white. The bright blessed day, the dark sacred night.  And I think to myself, What a wonderful world. 

The colors of the rainbow, so pretty in the sky, are also on the faces of people going by, 

I see friends shaking hands, saying, “How do you do?” They’re really saying, “I love you”. 

I hear babies cry, I watch them grow. They’ll learn much more, than I’ll ever know. And I think to myself, What a wonderful world. 

Sie kommt zum Schluss. Ich frage, wie sich das angefühlt hat. Angenehmer, müheloser, sagt sie. Ich konnte hören, wie meine Stimme weicher klang, weniger kratzig. Ich konnte alles klarer sehen. Später erfahre ich, dass sie erblich bedingte Retinitis Pigmentosa (degenerative Netzhauterkrankung) hatte. Bis sie sechs war, konnte sie gut sehen, danach setzte die Verschlechterung ein. Mit zwölf war sie gesetzlich blind, im Gegensatz zu ungesetzlich blind, wie sie zu bemerken pflegte.

Ellen, wie fühlst du dich? Ich meine, nicht in deinem Körper, sondern als Person – als Person in dir selbst?
Ich fühle mich weniger auf der Hut, als wäre da vorher eine Mauer um mich herum gewesen, und jetzt nicht mehr. Ich wusste gar nicht, dass da vorher eine Mauer war. Mmmh, weniger allein; ich fühle mich weniger allein.
Super. Das war’s für heute. Ruf an, wenn du weitermachen möchtest.

Am nächsten Tag ruft sie an. Bruce, nach der Stunde ging ich in den Park, setzte mich auf eine Bank, auf der ich oft sitze und spiele. Ich setzte mich und mir war nicht nach Spielen. Mir reichte es im warmen Tageslicht zu sitzen und mich selbst ohne meine Mauer in der Welt zu spüren. Ein Mann kam und fragte, ob er sich neben mich setzen könne. Das erste Mal, dass das passierte! Weißt du, ich singe, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Und da saß ich, ohne jegliche Absicht jemand zu erreichen und jemand kommt direkt zu mir und setzt sich neben sich. Wir redeten lange und viel, über was uns wirklich beschäftigt. Es war so mühelos.

Bruce, ich möchte gern weiterlernen.
Gern, bezahl’ einfach, was du dir leisten kannst. Ich bin noch Anfänger. Ich brauche die Übung.

Ellen und ich arbeiteten zwei Jahre zusammen. Irgendwann wollte sie Tai-Chi lernen. Sie wusste nicht, wie sie es machen sollte, weil sie nicht sehen konnte. Sie hatte gehört, es wäre wunderschön anzusehen, und sie mochte die Philosophie dahinter. Klingt wie Alexander-Technik in Bewegung.
Ja, so fühlt es sich für mich an und ja, ich bringe dir gern Tai-Chi bei.

Durch Berührung und Sprache führte ich sie durch jede kleine Bewegung, wieder und wieder. Ihr Bewegungsgedächtnis war großartig. Ellen liebte meine Berührung.
Ständig wollen mir Leute helfen. In bester Absicht greifen sie meinen Arm, ziehen mich mit einer Hand, während sie mit der anderen schieben. Sie drücken fest zu, zerren an mir, schubsen mich, um mich anzuhalten. Du machst fast gar nichts. Deine Berührung ist sanft und ich weiß genau, was ich machen soll und wohin ich gehen soll, und dann gehe ich allein. Ich habe gute Lehrer, sage ich.

Ich machte die Form immer dicht hinter ihr, wie ein wohlmeinender Schatten. Obwohl ich hinter ihr war, folgte sie mir. Ich folgte ihr wie sie mir folgte.

Balance war kein Problem für Ellen. Sie hatte reichlich Übung in der Balance zu bleiben ohne zu sehen. Wo der Boden war, wusste sie durch ihre Füße. Ihr Gleichgewichtssinn muss ziemlich ausgeprägt gewesen sein. Ihr Gehör schien ihrem Gespür für Balance auch zu helfen. Sie schien immer den exakten Winkel der Richtung zu kennen, aus der ein Geräusch kam.

Die größte Herausforderung war es Ellen die präzise Ausführung der Bewegungen im Raum beizubringen. Ich ließ sie sich vorstellen in einem großen imaginären Würfel zu sein. Ich ließ sie vorn und hinten spüren, die Seiten, die Diagonalen vorn und hinten, also alle Ecken des Würfels und natürlich oben und unten. Sobald sie eine genaue Vorstellung von diesem gedachten Würfel hatte, begannen wir die Ecken und Kanten zu runden – bis sie sich schließlich ganz ruhig und klar in einer unsichtbaren Kugel bewegte.

Ellen lernte, kinästhetisch, wie weit genau, genau wie viel Grad zum Beispiel ihre Hüftgelenke in der Gelenkpfanne rotieren mussten – jeweils für ungefähr hundert kleine Bewegungen der Taichi-Form. Sie wendete das gleiche feine Gespür auf Fußgelenke, Knie, Handgelenke, Ellbogen und Schultern, Wirbelsäule und Kopf an. Jedes Gelenk wurde zu einem Kompass.

Ich brachte Ellen bei kinästhetisch zu sehen. Ellen lehrte mich wie ich wie ein Blinder lebe, der zufällig auch sehen kann.

 

Das englische Original „In Blind Daylight“ findet sich auf Bruce‘ Blog www.peacefulbodyschool.com

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