Zwei Welten

rushing-where1Wie bin ich während ich tue, was ich tue? Eine Geschichte über Lebensmuster und die Kunst der Veränderung von Bruce Fertman.

O mata se. Vielen Dank, dass Sie gewartet haben. Es mir wirklich leid, dass ich so spät komme. Das sagst du als erstes, wenn du in Japan zu spät kommst. Eigentlich sagst du es auch, wenn du pünktlich bist. Denn wenn du rechtzeitig kommst, bist du nach japanischen Maßstäben trotzdem zu spät. Du bist nur nicht zu spät, wenn du 15 Minuten zu früh bist. Dann kannst du einfach „Hallo“ sagen.

Kein Wunder, dass mein Freund Dr. Tanaka, der eine große orthopädische Klinik besitzt und betreibt, fortwährend in Eile ist. Er scheint nicht mithalten zu können mit der großen Zahl von Menschen, jeden Tag, die ihn sehen wollen, Menschen mit Schmerzen; Rücken, Knie, Hüften, Schultern, Nacken, alle mit Schmerzen und mit dem Bedürfnis nach Zuwendung.

Dr. Tanaka sieht mich einmal im Jahr. Weil er weiß, er hat nur eine Sitzung im Jahr, schenkt er mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Weil ich weiß, ich habe nur diese eine Gelegenheit, gebe ich ihm meine.

Dr. Tanaka bittet mich ihn zu betrachten und ihm zu sagen, was ich sehe. Obwohl ich das bei den meisten meiner Schüler vermeide, weiß ich, dass es bei Dr. Tanaka geht. Er wird nicht die Nerven verlieren und denken, dass er furchtbare Dinge mit seinem Körper macht. Er wird nicht sofort versuchen seinen schlimmen Zustand zu korrigieren. Er wird einfach die Information aufnehmen und anfangen, sich Gedanken machen. So wie ich auch.

Ich betrachte Dr. Tanaka, der vor mir steht. Ein bisschen größer als ich, ein bisschen jünger, (beides nicht schwer), er sieht gesund aus; strahlende Augen, gute Hautfarbe, ausgezeichneter Muskeltonus, nicht übergewichtig, eine schöner Eindruck von Symmetrie.

Sie sehen gut aus Tanaka-Sensei. Mal sehen, was ich von der Seite sehe. Meine Augen wandern direkt zur Rückseite seines Halses, meine Hand folgt und landet direkt auf einem großen, festen Muskel. Dieser Muskel interessiert mich, sage ich, ihn sanft zwischen Daumen und Fingern haltend, so dass er ihn spüren kann. Vielleicht Ihr Trapezius, welcher Muskel auch immer es ist, er muss viel arbeiten. Dafür muss es einen Grund geben. Ich sehe, dass es keine natürliche Kurve in seiner Halswirbelsäule gibt. Er sieht aus als hätte er gerade begonnen sich zu verbeugen und dann plötzlich aufgehört, bevor der Rest des Körpers die Möglichkeit zu folgen hatte, was den Hals überstreckt und steif zurücklässt. Für einen Sekundenbruchteil sehe ich den Hals einer dieser skurrilen Wasserspeier-Figuren wie sie an den Mauern von Notre Dame zu sehen sind. Dr. Tanaka, Sie tragen Ihren Kopf ein wenig vor ihrem Körper, so dass Ihr Hals überstreckt wird. Wahrscheinlich müssen zum Ausgleich dieser Muskel und andere arbeiten, um das vorgeschobene Gewicht Ihres Kopfes zu halten.

Außerdem neigt Ihr Körper ab den Fußgelenken leicht nach vorn, ungefähr wie ein Skispringer im Flug, nur weniger stark. Ich bücke mich und fühle seine Waden, die – wie vermutet – angespannt sind. Ebenso wie seine Gesäßmuskulatur, die zusammendrückt und hochzieht. Ich bewege mich um ihn und platziere mich vor ihm, als wäre ich einer seiner Patienten, und plötzlich sehe ich einen Mann, der aussieht als hätte er mit Vollgas rasen müssen, um dahin zu gelangen, wo er hin muss und der, wenn angekommen, die Bremse durchtritt, bis zum Stillstand rutscht, wie schockgefroren in der Andeutung einer Geste des Verbeugens, wie um zu sagen, „O mata se! Vielen Dank, dass Sie gewartet haben. Es tut mir wirklich leid, dass ich so spät bin.

Tanaka-Sensei. Lassen Sie uns hinsetzen, sage ich und deute auf einen Stuhl. Er setzt sich. Ich ziehe mir einen Stuhl vor ihn und sage, ich bin Ihr Patient. Nehmen Sie meinen Puls. Ich weiß, dass Puls nehmen ein wichtiges Ritual für Dr. Tanaka ist, der auch über eine Ausbildung in traditioneller chinesischer Medizin verfügt. Es ist sein erster Kontakt mit seinen Patienten. Wie man es von ihm kennt, schreitet er zur Tat. Sobald ich spüre, dass er vollkommen in die Beschäftigung vertieft ist, bitte ich ihn so anhalten wie er gerade ist, sich nicht zu bewegen, und erwartungsgemäß hat er mit seinem Körper genau den Haltungsausdruck wie im Stehen eingenommen, seine spezielle Art und Weise des Tätigseins, seinen Patienten zu dienen. Vor meinem inneren Auge zieht das Bild einer unsichtbaren Hexe vorüber – schwarzer, spitzer Hut, schwarzer Mantel, krummer Besen, Warze auf ihrer großen Nase – wie sie über den Köpfen fliegt und Dr. Tanaka mit einem Zauberbann belegt, ein „jetzt wirst du ein schwer beschäftigter Arzt sein“- Bann.

Vor meinem inneren Auge zieht das Bild einer unsichtbaren Hexe vorüber – schwarzer, spitzer Hut, schwarzer Mantel, krummer Besen, Warze auf ihrer großen Nase – wie sie über den Köpfen fliegt und Dr. Tanaka mit einem Zauberbann belegt, ein „jetzt wirst du ein schwer beschäftigter Arzt sein“- Bann.

Dr. Tanaka, ich frage mich, ob Sie auf Ihre Finger schauen müssen? Sie können den Puls nicht sehen, oder? Stimmt, sagt er. Dann nehmen Sie weiter meinen Puls und schauen Sie langsam ein bisschen zur Decke, entlassen Sie dabei Ihren Hals in eine angenehme Kurve, schließen Sie dann Ihre Augen und fühlen Sie weiter meinen Puls. Nun, lassen Sie Ihre Augen geschlossen, drehen Sie Ihren Kopf sanft nach vorn und lassen Sie ihn auf der Wirbelsäule ruhen. Rollen Sie ein ganz kleines bisschen auf Ihren Sitzhöckern zurück und entspannen Sie Ihre Gesäßmuskeln, die brauchen Sie jetzt nicht und dabei nehmen Sie einfach weiter meinen Puls. Gleichzeitig können Sie Ihren linken Ellbogen entspannen, so dass ihre linke Schulter sich nicht so anstrengen muss.

Zum ersten Mal seit wir angefangen haben, wirkt Tanaka-Sensei ruhig, gelassen und bequem, nicht wie ein geschäftiger Arzt, aber ganz sicher wie ein Arzt. Der große Muskel im Hals tritt nicht mehr hervor. Er hat eine natürliche Kurve in seiner Halswirbelsäule. Er hetzt nicht. Er ist nicht vor sich, er ist sich nicht selbst voraus. Er ist in sich, und er ist mit mir, mehr denn je. Ich kann sehen, wie Dr. Tanaka als der gute Schüler, der er ist die Erfahrung auskostet. Wie er zu einem stillen Verständnis gelangt, wie er tut, was er tut. Was ihn am meisten freut, sagt er mir, ist nicht wie gut er sich fühlt, sondern wie deutlich und klar er meine drei Pulse unter seinen Fingern spürt.

Dr. Tanaka so entspannt und aufmerksam zu sehen, erinnert mich an etwas, dass ich vor Jahren in den Klassikern des Tai Chi las, Wörter der Weisheit in 600 Jahren zusammengetragen über das Zusammenspiel von Körper und Geist. Dr. Tanaka praktiziert Tai Chi. Ich vermute es wird bei ihm auf offene Ohren stoßen, was ich ihm gleich sagen will.

In den Klassikern, sage ich, wird empfohlen den Geist eines nüchternen Mannes zu haben und Körper eines Betrunkenen. Ich nenne es Matcha-Geist (Matcha=Grüner Tee) und Sake-Körper. Probieren Sie es aus. Lehnen Sie sich zurück und entspannen Sie sich in Ihren Sake-Körper. Das scheint ihm leicht zu fallen, aber ich sehe wie sein Kopf zur Seite neigt als ob er einschlafen würde. Tanaka-Sensei. Öffnen Sie Ihre Augen und fassen Sie die Absicht, ohne Ihre Muskeln zu aktivieren, Ihren Matcha-Geist zu nutzen.

 Für Sie gehören schwer arbeiten und Muskelanspannung miteinander zusammen. Meditation entwickelt eine umgekehrte Beziehung zwischen Anspannung und Aufmerksamkeit. Je mehr Sie Ihre geistige Aufmerksamkeit erhöhen desto mehr verringern Sie Ihre muskuläre Anspannung.

Muzukashii! Das ist wirklich schwer, sagt Dr. Tanaka überrascht. Ich schaffe es nicht! Für Sie gehören schwer arbeiten und Muskelanspannung miteinander zusammen. Meditation entwickelt eine umgekehrte Beziehung zwischen Anspannung und Aufmerksamkeit. Je mehr Sie Ihre geistige Aufmerksamkeit erhöhen desto mehr verringern Sie Ihre muskuläre Anspannung. So ausgedrückt, kann ich sehen, dass Dr. Tanaka es versteht.

Okay Sensei. Ich weiß, Sie wollen, dass ich Sie beim Spielen der Shakuhachi (jap. Bambusflöte) beobachte, also holen Sie sie. Tanaka-Sensei schnellt aus seinem Stuhl und stürmt zur Tür. Choto mata kudasai! Warten Sie einen Augenblick, Dr. Tanaka! Ich möchte, dass Sie sich tief in Ihrem Körper vornehmen, nicht zu hetzen. Kümmern Sie sich nicht um mich. Beobachten Sie, wie es ist, nicht zu hetzen. Beobachten Sie einfach, was passiert.

Dr. Tanaka verlässt ruhig den Raum, bleibt für gut zwei Minuten abwesend. Als er zurückkommt, hat sein Gesicht einen anderen Ausdruck. Wie war es, frage ich? Es war ganz anders. Ich fing an dieses Gebäude zu sehen, diese Klinik. Ich begann zu fühlen, wie lange ich hier gearbeitet habe, und mein Vater vor mir. Unter der Traurigkeit, kann ich die Liebe und Dankbarkeit in Dr. Tanakas Augen sehen.

Dr. Tanaka. Wir kommen gleich zur Bambusflöte, versprochen. Ich möchte vorher kurz mit Ihnen sprechen. Kein Unterricht. Ich möchte Ihnen nur etwas von Herzen sagen. Ist das in Ordnung? Hai, sagt er.

Sehen Sie, wir werden sterben … eines Tages. Sie können eilen und Ihrem Tod entgegen rennen, oder Sie können ihm entgegen laufen, so wie Sie gelaufen sind, als Sie Ihre Flöte geholt haben. Zwei verschiedene Welten. In welcher wollen Sie leben in der Zeit, die Ihnen noch bleibt?

And da ist er, der Moment, wenn sich etwas verschiebt. Die Veränderung in der Seele eines Menschen.

Wir sind noch zur Shakuhachi gekommen. Die üblichen Dinge geschahen. Vollerer Klang. Freierer Atem. Besserer Ausdruck. Mehr Spaß. Aber es schien nicht so wichtig im Zusammenhang mit dem Großen und Ganzen.

Wir dankten einander, viele Male, so wie man es in Japan beim Verabschieden macht. Yoi Otoushi wo. Frohes Neues Jahr, Dr. Tanaka.

Es ist fünf Uhr und bereits abend als ich eine klein, schmale Straße hinunter zur Bahnstation laufe. Ein weicher, nebliger Regen fällt. Die meisten Japaner spannen Ihre Regenschirme auf und eilen Ihrem Ziel entgegen. Mich stört es nicht nass zu werden. Warum rennen? Es regnet überall.

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