Briefe an einen jungen Lehrer – himmlische Heerscharen

Rilkes Brief an einen jungen Dichter

Rilkes Brief an einen jungen Dichter

Als du angefangen hast zu unterrichten, hattest du Vertrauen darin, dass deine Hände Richtung vermitteln, wie sie es sollen oder können? Ich hinterfrage, ob meine Hände meinen Schülern die Erfahrung vermitteln, die ich habe, wenn die Hände meines Lehrers auf mir sind. In solchen Momenten komme ich zurück zu mir, meinen Rücken, meine leeren Hände. Aber der Gedanke/ der Zweifel ist da. Ich würde gern deine Gedanken zu Vertrauen und zur Entwicklung deiner hörenden Hände erfahren.

Habe ich meinen Händen vertraut, so Richtung zu geben wie sie es sollen oder können? Die kurze Antwort? Nein. Ich wusste, meine Hände sind nicht besonders gut. Ich wusste, mein Gebrauch ist auch nicht herausragend. (Er ist es immer noch nicht.) Ich wusste, ich vermittelte meinen Schülern nicht die Erfahrung, die ich von meiner Lehrerin, Marjorie Barstow, bekam. Aber Marj sagte mal zu mir: „Vergleiche sind scheußlich.“ Und in diesem Fall unfair. Wenn du mehr als andere über AT weißt und bereits gewisse Fertigkeiten hast, dann wirst du ihnen bis zu dem zu diesem Zeitpunkt möglich Grad helfen können. Manche Schüler wirst du – in verschiedenen Maßen – erreichen, andere überhaupt nicht, was entmutigend sein kann. Wenn mir so etwas passierte während ich eine Gruppe unterrichtete und andere Schüler zusahen, sagte ich etwas wie: „Super. Bis hier hin. Das reicht erst mal. Schau bei den anderen zu und dann lass uns noch eine zweite Runde machen.“ Es hat keinen Zweck etwas erzwingen zu wollen.

Es hat etwas Demütigendes, wenn Schüler nicht auf deine Berührung ansprechen, aber es ist ein gutes Feedback. Es sagt dir, dass du noch 40 Jahre Übung brauchst. Ein Schüler ist Übung für den nächsten. Fake it untill you make it. (Tu so als ob bist du es tust.) Seltsamerweise hilft mir das, mich nicht als vollendeten Lehrer zu sehen. (Wie andere mich sehen, ist ihre Sache, nicht meine.) Ich sehe mich bewusst als Schüler, der liebt, was er tut, lernen und üben. Menschen bezahlen mich für die Möglichkeit mit mir zu lernen und üben, weil ich mehr Erfahrung habe als sie. In den jüdischen Gemeinden Osteuropas vor dem Zweiten Weltkrieg war Rabbi kein Beruf. Ein Rabbi war jemand, den die Gemeinde kollektiv als weisen und außergewöhnlich gelehrten Mann anerkannte und unterstützte, so dass er Zeit zum Studieren und zur Kontemplation hatte, eine Art Gastwissenschaftler mit Stipendium. (scholar-in-residence) So sehe ich mich auch. Ich bin ein „Somasoph“ (somatic=körperlich, physisch), eine Person mit verkörperter/ körperlicher Weisheit. Menschen bezahlen mich, über die Arbeit F.M. Alexanders zu meditieren, was ich viel tue. Menschen bezahlen mich zu schreiben (Ja, ich weiß, das ist meine Fantasie, aber so wähle ich es zu formulieren.) und Menschen bezahlen mich, im gleichen Raum mit mir zu lernen. Egal welcher Raum oder welche Anzahl von Menschen, in meiner Vorstellung, verwandle ich, wo ich bin, in mein Wohnzimmer und lade Menschen in mein Zuhause ein. Weil ich mich in der Arbeit und mit Menschen Zuhause fühle. Das nimmt den Druck. Ich muss nicht der Lehrer sein, der alles weiß, alles super kann oder für alles eine Lösung hat. Vielleicht schreibst du deine eigene geheime Jobbeschreibung, dein persönliches Mission Statement?

Es geht darum, dich in deinem Praktizieren zu entspannen, Tausende Menschen unter deine Hände zu bekommen – himmlische Heerscharen von Menschen mit himmlischen Heerscharen verschiedener Lebensmuster. Und Spaß zu haben. Frag deine Schüler nach ihrem Erleben, nicht nur körperlich. Bitte sie völlig offen zu reden, nichts zu deinen Gunsten zu beschönigen. Vertrau auf ihre Rückmeldungen und passe dann entsprechend an, wie du arbeitest.

Wir wachsen hinein in uns als Alexander-Lehrer. Es ist ein organischer Prozess. Es braucht seine Zeit.

Was das Zurück zu dir selbst kommen, in deinen Rücken und deine leeren Hände angeht. Ich weiß nicht, was das für dich tatsächlich bedeutet. Ich müsste dich sehen, sehen und erleben, was deine Hände tun und was sie nicht tun. Aber ich kann sagen, dass ich nicht zu mir zurückkomme, ich schließe mich selbst mit ein. Im Judentum gibt es ein berühmtes Gebet namens Schma (Jisrael). Im Wesentlichen sagt es Gott ist Eins. Für mich heißt das, nicht Zwei. Unsere Aufgabe ist es zu vereinen, Eins werden zu lassen.

Meine Hände sind nicht nur leer, sie sind voll, sie hören nicht nur, sie sprechen, sie kommunizieren, sie laden ein, sie heißen willkommen, sie bieten an, sie führen, sie folgen, sie empfangen, sie geben, sie fördern, sie hegen und pflegen, sie lieben, sie lesen, sie erforschen, sie schlagen vor, sie trösten, sie stellen infrage, sie ermutigen, sie loben, sie geben Erlaubnis.

Am Anfang geht es also nicht darum deinen Händen zu vertrauen. Es geht darum, sie viel zu nutzen und gut darin zu werden, so wie jeder mit einem Handwerk, daran feilt, seine manuelle Fertigkeiten zu verfeinern. Im Lauf der Zeit, mit der Erfahrung, wirst du deinen Händen vertrauen. Inzwischen wissen meine Hände viel mehr als ich. Mehr als ich sagen kann.

Zweifele nicht. Entspann dich in dein Praktizieren. Freue dich an deinen Schülern.

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