Die Entscheidung

Keramik Dorothea ChabertAm Unterricht von Bruce Fertman teilzunehmen ohne an am Unterricht teilzunehmen – dieser Text von ihm (in deutscher Übersetzung) kommt dem vielleicht am nächsten. Er beschreibt darin „…wie ich einen Workshop strukturiere, meine Philosophie als Lehrer im Allgemeinen und als Alexander-Lehrer im Besonderen, meine Pädagogik, meine Werte und meine Sicht auf das Leben.“

I.

Während Eva das Abendessen zubereitet, bin ich im Wohnzimmer und halte ein Keramikgefäß in meinen Händen. „Eva, was ist das für ein großes Keramikgefäß da am Fenster? Es sieht nicht aus wie gemacht. Es sieht aus wie gewachsen.“

„Meine Freundin, Dorothea Chabert, hat ihn gemacht. Wir haben schon lange keinen Kontakt mehr. Ich weiß gar nicht, ob sie noch lebt.“ „Eva, warum finden wir es nicht heraus?“

Eva fand es heraus. Sie rief eine Nummer an, die sie mit Bleistift in ein altes Adressbuch geschrieben hatte. Eva ist Mitte Achtzig und hat sich nie um Computer geschert. Es ist eine Wohltat einige Tage im Jahr in ihrer Welt zu verbringen, eine Welt mit wenigen Ablenkungen, wenigen Unterbrechungen, in der lange Gespräche während langer Mahlzeiten entstehen, während wir an einem schön gedeckten Tisch sitzen mit Löffeln, Tellern, Teetassen, Karaffen, an denen sich ihre Familie seit Generationen erfreut. Eine Welt, in der sich die Zeit mit eigener Geschwindigkeit bewegt. Eine Welt von gebundenen Büchern, gerahmten Fotografien, Ölbildern und Keramik, eine Welt, die sich anfassen und fühlen lässt.

Auf der Autobahn in Evas kleinem Fiat rauschen BMWs, Audis und Mercedes Benz in alarmierender Geschwindigkeit an uns vorbei. „Eva, erzähl mir von Dorothea.“ „Dorothea lebt in Wolfsburg“, sagt sie. „Sie lebte früher im Wolfsburger Schloss. Jetzt lebt sie in der Remise am Schloss. Da fahren wir hin. Sie war in den 60-zigern Teil eines Künstlerkollektivs namens Schlossstraße 8. Sie lehrte einige Jahre lang Keramikkunst an einer Universität, ich glaube in Braunschweig. Sie ist bekannter in Japan als in Deutschland. So läuft es oft.“ „Du kannst nicht Prophet in deiner eigenen Stadt sein“, sage ich, „manchmal nicht mal in deinem eigenen Land.“

Alte Holzböden, riesige Holzbalken, große Arbeitstische aus Holz und überall Holzregale wie ein mit Keramik gefülltes Gerüst. Ein Töpfer-Paradies. „Eva, ich fühle mich als würde ich eine Kirche gehen.“ „Ich auch“, sagt Eva. Dorothea sitzt an ihrer Töpfer-Scheibe und blickt aus einem großen, offenen Fenster. Ein weiches Vermeer-haftes Licht erhellt ihr ruhiges, wettergegerbtes Gesicht.

Stunden vergehen in Dorotheas Gesellschaft fasziniert von hunderten von Schalen, Vasen, Teetöpfen, Tassen, Behältern und großen Tellern mit Glasuren, die wie Galaxien wirken. In Dorotheas Atelier zu sein, ist wie in der großen Privatbibliothek eines Gelehrten zu sein, gebannt, umgeben von der unveröffentlichten Autobiografie eines Menschen, geschrieben in Ton.

Im Zwielicht steht Dorotheas Keramik still da, wie nicht von dieser Welt. Als ob Dorothea meine Gedanken lesen könnte, sagt sie: „Wissen Sie, ich töpfere nicht mehr viel. Wegen meines Rückens kann ich nicht mehr so lange sitzen. Aber ich betrachte oft meine Töpferscheibe. An guten Tagen fühlte ich Gott mitten auf meiner Scheibe sitzen. Am solchen Tagen war das Töpfern wie eine Schöpfung, wie die Genesis, eine Welt, die in ihre Existenz wirbelt. Ich lebte für diese Tage, diese Treffen.“

Eva und ich gehen. Wir tragen beide eine einfache Tasse in unseren Händen und Dorothea in unseren Herzen.

II.

Wenn ich in einem Raum voller Schüler sitze, kurz vor dem Beginn eines Workshops, bin ich das Gegenteil von nervös. Ich bin Zuhause, an einem Ort, den ich kenne, ein Ort voller Wärme und Geborgenheit. Während ich den Raum von allein zur Ruhe kommen lasse und nach dieser durchdringenden Stille lausche, kommt mir Dorothea in den Sinn.

„Ich liebe Keramik“, sage ich. „wegen der Art wie sie sich in meinen Händen anfühlt. Einmal war ich in Italien. Es war heiß. Ich war durstig. Ich entdeckte eine Wasserpumpe auf einer Plaza. Ich pumpte. Das Wasser floss heraus. Ich ging in die Hocke, brachte meine Hände zusammen, ließ das kalte Wasser sie füllen, trank. Ich sah auf meine nassen Hände und dachte, zwei Hände, die erste jemals gemachte Schale.“

„Als ich nach Japan kam, wusste ich, ich bin in meiner künstlerischen Heimat angekommen. Euer Land verehrt Keramik, baut ganze Zeremonien um eine Teeschale. Die Chawan (japan. Teeschale) ist Japans heiliger Gral, ein heiliges Gefäß mit einem heiligen Zweck; um mit der Natur in Kontakt zu kommen, mit Menschen, mit dem Leben selbst.“ (to commune = auch: Abendmahl feiern)

„Vielleicht fühlt sich Keramik deshalb so ur-menschlich für mich an. Wir graben alte Zivilisationen aus und was finden wir? Keramik. Wo es Menschen gibt, gibt es Keramik. Wie Kanji (japan. Schriftzeichen), besteht das Wort human aus zwei Bildern. Hu wie in Humus kommt von Erde oder Ton, und man wie main (frz) Hand. Human (engl. für Mensch) könnte also aus Ton bestehender Erdling mit Händen bedeuten.“

„Wenn wir aus Ton gemacht sind, dann können wir von Töpfern vielleicht etwas lernen. Wenn wir uns mit ihrem schöpferischen Prozess auseinandersetzen, können wir vielleicht etwas über Transformation, Veränderung lernen, wie wir uns in etwas Schönes, Nützliches verändern können.“

III.

Dieser Essay enthält didaktische Anmerkungen zum Unterricht für diejenigen mit einem lehrenden Hintergrund. Diese Anmerkungen sind in kursiv gesetzt. Wenn ich einen Workshop unterrichte, bei dem Assistenz-Lehrer und Lehrer-Trainees dabei sind, was meistens der Fall ist, forme ich mit meinen Händen hin und wieder ein T für „Teaching Moment“ („Pädagogischer Moment“). Schauspieler bezeichnen das als „die vierte Wand durchbrechen“ (4. Wand – die zum Publikum zeigende Seite der Bühne). Es ist als ob ich den Workshop für einen Moment verlasse und mich nur meinen Assistenten und Trainees zuwende. Allerdings ist das ein „als ob“, denn ich möchte, dass die anderen Workshopteilnehmer hören, was ich den Assistenten und Trainees erkläre, so dass sie meine pädagogischen Entscheidungen verstehen. Du kannst dich jetzt offiziell als Trainee im Workshop betrachten!

IV.

Die Metapher für den Workshop ist jetzt eingeführt. Sie dient mir, wie du sehen wirst, als Leitbild und Gliederung. Innerhalb der Metapher ist bereits eine Abfolge angelegt, durch die ich der Arbeit erlauben kann sich zu entfalten. Es ist eine physische Metapher, die metaphysische Bedeutungen beinhaltet. Das heißt, ich beziehe die Metapher auf ihre Körper, aber ich beziehe sie auch auf ihr Leben, was es bedeutet ein Mensch zu sein. Ich habe außerdem die Bühne bereitet um meine Hände bei der Alexander-Arbeit einzusetzen, körperlich in Kontakt zu treten. Ich habe einige Dinge über mich selbst preisgegeben: dass ich Keramik mag, dass ich in Italien war, dass ich Japan liebe und dadurch, dass ich persönliches über mich erzähle, erteile ich indirekt auch die Erlaubnis, dass sie mir über sich erzählen.

Meine Strategie ist groß anzufangen, Weite zu schaffen. Was es bedeutet ein Mensch zu sein. Ich möchte vermeiden, dass sie die Arbeit auf ihren Körper reduzieren. Ich möchte ihr Augenmerk auf ihren Leben haben, wie es sich anfühlt sich durch die Tage zu bewegen.

V.

„Also wo fangen Töpfer an? Mein Apache-Freund, Filipe Ortega, ein Töpfer aus La Madera, New Mexico, der vier Sprachen spricht und einen Master-Abschluss in Theologie hat, geht zu einer nahegelegenen Grube, die seine Vorfahren schon seit den 1800-er Jahren nutzten um Ton abzubauen. Wenn Filipe die Erde seine Mutter nennt, meint er das nicht poetisch. Das ist für ihn die Wirklichkeit. Er erlebt die Erde als seine liebende Mutter. Es ist seine Quelle des Lebens. Was trägt und stützt uns, es ist die Erde. Was könnte offensichtlicher sein?“

Stoff, Materie auf lateinisch materia stammt wohl von Mater, Mutter ab. Physisches Leben braucht Nährendes, Hegen und Pflegen. Leben kann nicht ohne leben.

„Aber seit ein paar tausend Jahren leben wir im Westen in einer Kultur, die das Geistige vom Körperlichen trennt, das Geistige überhöht und das Körperliche herabsetzt.“

„Wenn das physische Leben weniger wertvoll ist, werden die Nährer und Erzieher weniger wertgeschätzt; die Mütter, die Pfleger, die Krankenschwestern und die Therapeuten, die Lehrer und die Gärtner. Diejenigen, die ihre Hände, ihren Körper für ihre Arbeit nutzen, die „Handarbeiter“ werden für weniger wert gehalten und so auch weniger bezahlt, geringer geschätzt als diejenigen, die ihr Leben mit „höheren“ (Gehirn-)Funktionen verdienen, die in einer anspruchsvolleren Welt leben, einer abstrakten und symbolischen Welt.

„Das ist ein Grund, warum es von Bedeutung für mich ist Alexander-Lehrer zu sein. Weil ich in erster Linie einer Nährer und Erzieher bin, ein Mensch, der sich um andere kümmert. Eine männliche Mutter. Bildung ist wunderbar, aber Bildung allein reicht nicht für Wachstum. Bildung, Hegen und Pflegen lassen Menschen wachsen und reifen. Bei der Alexander-Technik geht es nicht um Lernen, sondern um Wachsen und Reifen.“

„Der Geist entwickelte sich nicht isoliert. Unsere Gehirne, unsere Stimmen, unser Aufrechtsein, unsere Fähigkeiten zu Laufen und unsere Hände zu gebrauchen entwickelten in Abhängigkeit von einander. Die Alexander-Technik gewichtet diese einzigartigen menschlichen Fähigkeiten gleich stark, widmet sich ihnen gleichermaßen und sieht sie in ihrer wechselseitigen Beziehung.“

Das Körperliche ist heilig. Die Sinne sind heilig. Der Körper verfügt über eine Weisheit, die der Geist nie verstehen wird. Zu Sinnen kommen, ist genau das, was wir in dieser Zeit brauchen.“

Berührung ist eine unabdingbare Art nährender Zuwendung. Kinder können nicht ohne leben. Bestimmte Primaten verbringen bis zur 20 Prozent ihres Tages in körperlichem Kontakt, sich gegenseitig pflegend und putzend, sich aneinander kuschelnd, wenn sie Angst haben oder Geborgenheit suchen, sich wärmend in kalten Nächten, ihre Jungen auf dem Rücken tragend bei ihren alltäglichen Beschäftigungen.“

„Ich bin ein Handarbeiter, ein intelligenter Handarbeiter. Und ich bin stolz darauf. Ich bin taktil belesen. Für mich heilt die Alexander-Arbeit diese Gegensätzlichkeit, diese Dichotomie von Körper und Geist. Sie hilft uns uns zu einem Ganzen zu machen. Sie hilft unsere Menschlichkeit wieder herzustellen. Sie bringt uns zurück zur Erde, zu unserer Mutter. Wir haben alle die gleiche Mutter. Das dürfen wir nicht vergessen. Für Filipe und mich ist das keine Metapher, sondern Wirklichkeit.“

VI.

„Bevor Töpfer zu töpfern beginnen, muss ihr Ton ein hohes Maß an Formbarkeit haben. Das heißt, er muss beweglich sein, feucht, aber nicht zu feucht, stabil, aber nicht trocken oder steif. Deshalb müssen Töpfer den Ton kneten. Wenn sie eine homogene Verteilung von Tonus im Ton erreichen, „wacht“ der Ton „auf“. Das gleiche gilt für uns.“

„Es gibt zwei Arten Ton zu kneten. Manche Töpfer kneten den Ton in Form eines Widderhorns, aber die Japaner, als Inselbewohner, kneten ihn in Form einer Meeresschnecke, beides Spiralformen. Embryologisch betrachtet, entstehen Knochen in einer verwundenen, spiralförmigen Wachstumsbewegung und anschließend bilden sich die Muskeln in der entgegengesetzten Richtung spiralförmig um die Knochen herum. Es ist ein Helix-artiges Spiralenmuster. Das Herz selbst ist ein spiraliger Muskel, der in sich selbst gefaltet ist. Die Spirale ist ein primäres, ein Ur-Muster in uns, und im Universum im Allgemeinen.“

Ich bitte die Gruppe sich um meinen Computer zu sammeln um ein Video eines Meister-Töpfers zu sehen wie er den Ton knetet. Sie sehen aus wie kleine Kinder, die gleich Cartoons schauen dürfen. (Du auch, sei ein kleines Kind. Nimm dir die Zeit und schau dir das Video an.)

https://www.youtube.com/watch?v=uzX9gtZRyns

Offenbar haben viele der Workshopf-Teilnehmer noch nie jemand gesehen, der Ton knetet. Gelegentlich ist ein anschwellendes Ehhh zu hören – ein Ton, den Japaner machen, wenn sie überrascht oder beeindruckt sind.

Ich zeige eine Bewegung auf dem Boden, was ein Baby macht, wenn es lernt vom Rücken auf den Bauch zu rollen. Ich zeige, wie diese Spiralbewegung von den Augen und vom Kopf, vom Solarplexus oder von den Knien, Schenkeln und Becken initiiert werden kann, was jeweils spiralige Bewegungen durch den Körper nach sich zieht.

Ich positioniere die Assistenten im Raum, jeweils am Kopf eines Schülers. Sie stellen einen Reiz dar, etwas, das das Baby sehen möchte, einen Auslöser für Spiralbewegungen, die von den Augen und vom Kopf ausgehen. Ich demonstriere wie sie ihre Hände nutzen können, um dem Schüler behilflich zu sein, die Bewegung wirklich bei Augen und Kopf beginnen zu lassen und den Rest des Körpers in einer klaren Sequenz folgen zu lassen.

Ich habe damit begonnen die physischen Bezüge der Metapher herauszuarbeiten. Ich nenne das „Bewegungsmetaphern“ oder „bewegende Ideen“, Ideen, die dich bewegen.

Ich setze mich und beobachte. Ich beobachte die Alexander-Auszubildenden und Assistenten wie auch die Schüler. Bei Bedarf gehe ich helfend zur Hand. Die Gruppe hat Spaß und ist angeregt bei der Sache. Nachdem alle Fortschritte gemacht haben, bringe ich die Gruppe wieder zusammen.

VII.

„Der Ton wird nun wieder zu einer Kugel geklopft, eine weitere Ur-Form in uns und im Universum. Eine Kugel ist genauso hoch wie weit und tief. Das schafft maximales Volumen bei minimaler Oberfläche. Eine Kugel hat weder Seiten, noch oben und unten. Wir haben jede Menge solcher kugel-artigen, sphären-artigen Formen in uns: unser Schädel, unser Brustkorb, unser Becken und viele Kugelgelenke – Schultern, Ellbogen, Knie. Wir sind voller Schalen und Kuppeln.“

Die Assistenten und ich gehen durch den Raum und zeigen schöne anatomische Darstellungen von kugelförmigen Strukturen im Menschen aus dem Albinus. Dann gehen wir herum und umschließen mit unseren Händen sanft die Schädel, Brustkörbe und Becken im Raum. Nachdem jeder ein Gefühl für die Rundheit seiner Struktur entwickelt hat, lasse ich alle im Raum umhergehen.

„Fühlt es sich normalerweise so an, wenn ihr die Straße entlang läuft?“, frage ich. „Zen, zen, jigau, ganz anders“, sagen einige Schüler.

Wir setzen uns, viele sehen irgendwie anders aus, weniger in sich zusammengesunken und weniger angespannt.

„Die Tonkugel wird dann auf die Scheibe gesetzt, so genau wie möglich ins Zentrum. Aber um den Ton wirklich zu zentrieren, nimmt der Töpfer fast immer den Topf mehrmals wieder auf und setzt ihn wieder ab und führt ihn so immer feiner ans Zentrum. Wenn du das Gedicht Burnt Norton von T. S. Eliot kennst, kommst du nicht umhin die Verbindung zu fühlen zwischen dem, was der Töpfer macht und Eliots „still point in a turning world“ (Ruhepunkt in einer sich drehenden Welt). Eliot schreibt: „…at the still point, there the dance is.“ (Am Ruhepunkt ist der Tanz)

„Lasst uns den Ton hoch und runter bringen. Menschen kennen dafür verschiedene Arten und verschiedene Gründe. Buddhisten und Muslime verbeugen sich. Tänzer machen das Plié. Aikidokas rollen ab. Wir setzen uns in Stühle und stehen auf. Viele schlafen auf dem Boden und setzen sich an Kotatsus (niedriger, beheizter Tisch in japan. Häusern) und stehen wieder auf.“

„Ich habe erfahren, unter uns sind ein Zen-Priester, ein professioneller Balletttänzer, einige Aikidokas und Leute, die jeden Morgen von ihrem Futon aufstehen und nachts nach einem langem Arbeitstag sich wieder darauf hinlegen. Lasst uns vier Gruppen bilden und etwas auf und nieder üben. Such dir eine Gruppe aus und bring deinen Ton hoch und runter.“

Ich setze mich und beobachte. Ich beobachte jeden. Ich tue mein bestes nicht einzugreifen, sofern es nicht unbedingt notwendig ist. Und wieder haben die Teilnehmer viel Spaß. Die Verbeuger sind mit Spaß bei der Sache. Sie wirken andächtig und gleichzeitig als würden sie gleich in Gelächter ausbrechen. Als es so scheint, dass einige gute Wellen von Lernen durchgelaufen sind, bitte ich alle zu Ende zu kommen und sich wieder zu setzen.

„Ein guter Töpfer bringt nicht einfach nur den Ton auf und nieder auf eine altbekannte Weise, er macht es so, dass er selbst der Punkt der Ruhe in einer drehenden Welt wird. Und wir können auch lernen das in uns selbst zu tun. Alexander fand einen Weg dafür. Er nannte es die wahre und primäre Bewegung. (true and primary movement) Er erkannte, dass es eine innere Bewegung gibt, ein inneres Aufsteigen und Sinken. Diese innere Bewegung hat ein ganz bestimmtes Gepräge. Sie ist mühelos, weich. Sie hat eine gewisse Leichtigkeit. Sie scheint von allein zu geschehen. Lasst uns noch ein Video ansehen, von einem Töpfer, der eine Schale macht. Wie der Ton die Form ändert, wie er wächst, sich weitet und ausdehnt, ähnelt stark wie sich Alexanders wahre und primäre Bewegung anfühlt.“ (Anzusehen wie ein Meister-Töpfer einen Klumpen Ton in eine Schale verwandelt ist auf fast hypnotische Art faszinierend, magisch. Während du das ansiehst, stell dir vor wie diese Bewegung in deinem Körper geschieht. Sieh, was du siehst kinästhetisch.)

https://www.youtube.com/watch?v=cpG_rkIvIdc

So fängt es an. Jeder ist jetzt bereit und begeistert Alexanders Primärbewegung zu erleben. Bald werden sie das mühelose Aufrichten, die Feuchte, die Fluidität, die Stabilität, das Weiten, die Ruhe in der sich drehenden Welt spüren. Bald werden sie fühlen, wie sie sich öffnen, ungekannten Raum in sich erfahren.

(Wenn du den Töpfer an der Töpferscheibe gesehen hast, wirst du sehen wie sehr Alexanders Primärbewegung dem mühelosen Aufrichten und Öffnen des Tons ähnelt. Diese Bewegung unter meinen Händen zu spüren, werde ich niemals überdrüssig.)

https://www.youtube.com/watch?v=3iRD66HTDQ4

VIII.

„Okay, was ist mit unseren Gefäßen und wie wir sie gebrauchen? Wenn sie halten sollen, müssen sie dann glasiert und gebrannt werden? Ich sehe das so: Die Glasur ist deine Persönlichkeit, deine Farbe, dein Design, wie du dich ausdrückst., vermittelst. Das wollen wir nicht ändern.“

„Und das Brennen? Das Brennen ist dein Leben. Wirst du seinen Druck, seine Anforderungen, Härten, Enttäuschungen, Prüfungen aushalten können, widerstehen, überleben können, ohne Risse zu bekommen, ohne zu brechen, zu bersten, unwiderruflich? Wenn du es durch diese Feuerprobe schaffst, wirst von Nutzen werden, in der Lage sein deine Dienste zur Verfügung zu stellen. Und auch wenn du auf dem Weg, so wie ich, Brechen und Absplittern erlebst und selbst wenn du richtig zu Bruch gehst und dich selbst wieder aus den Einzelteilen zusammensetzen musst, so wie ich, wirst du mit der Zeit Schönheit entfalten.“

„Es wird Zeit, dass wir unter uns diskutieren, in kleinen Gruppen, welche Situationen in deinem Leben zurzeit mühsam und belastend sind. Vielleicht eine Situation im Beruf, der nervenaufreibende Umgang mit Deadlines, mit einem stressigen Chef. Vielleicht ist es die Beziehung zum Partner, zu den Kindern, zu den Eltern. Vielleicht ist der Druck bei Aufführungen. Was auch immer die Situation, nimm dir Zeit, finde andere im Raum, die dir behilflich sein können, die Situation zum Leben zu erwecken und dann lass uns gemeinsam durchs Feuer gehen. Lasst uns Alexanders Arbeit nutzen, um gestärkt aus dem Feuer hervorzugehen.“

Die Bühne ist bereitet für den zweiten Teil des Kurses, die Arbeit im eigenen Leben anzuwenden. Bei der Alexander-Technik geht es nicht um die Alexander-Technik. Sie ist eine Herangehensweise an das Leben. Als ich Marj Barstow, meine Mentorin, fragte, was meine Aufgabe als Alexander-Lehrer ist, sagte sie: „Bruce, deine Aufgabe ist es Menschen zu helfen ‚feinfühlig’ (sensitive) zu werden, und ihnen zu helfen dieses ‚Feingefühl’ (sensitivity) in ihrem Alltag nutzen zu können.“ Fast 40 Jahre später ist das immer noch meine Arbeit, immer noch daran arbeitend, wie ich das für mich und andere tun kann.

Szenen werden inszeniert; eine alternde Tochter, die sich um ein alterndes Elternteil kümmert, eine Lehrerin, nicht in der Lage ihre Schüler zu motivieren, ein Analyst, den ganzen Tag an den Computer gefesselt, ein Sänger mit Bühnenangst, ein Therapeut, der einem selbstmordgefährdeten Klienten zuhört, ein Physiotherapeut, der einem Schlaganfallpatienten helfen soll vom Stuhl ins Bett zu kommen. Solche Situationen inspirieren mich. Die Härtefälle.

IX.

Es wird Zeit den Workshop zu Ende zu bringen, immer ein delikater Moment, wie die letzte Zeile eines Gedichtes.

„Du bist der Ton. Du bist das Material, mit dem du zu arbeiten hast. Du bist der Töpfer. Du bist die Schale. Du bist die Person, die dich selbst formt. Du bist die Person, die das Potential hat dich selbst zu öffnen. Du kannst deine Schönheit entfalten und dich zu Nutze machen.“

„Und du musst letztlich die Frage stellen und die Entscheidung treffen. Womit möchte ich mich füllen?“

Der Raum ist vollkommen still. Wir sitzen lange Zeit in dieser Stille, in einem Kreis, der plötzlich wie eine große Schale auf mich wirkt. Ich verbeuge mich, bedanke mich bei meiner Übersetzerin, seit 27 Jahren, meinem gut organisierten Organisator, meinen engagierten Trainees, meinen zugewandten Lehrern und all den aufgeschlossenen Schülern. Dankbarkeit erfüllt mich.

Ja, ich glaube, das ist meine Entscheidung.

 

 

 

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