An diesem tiefen Ort

Member of Jeong Ga Ak Hoe, Traditional Korean Music Ensemble

Member of Jeong Ga Ak Hoe, Traditional Korean Music Ensemble

Kannst du das sehen? Von Bruce Fertman

Erika Whittaker, die den Rekord hält sich länger als irgendjemand anderes mit der Arbeit F.M. Alexanders beschäftigt zu haben, fast 90 Jahre lang, war eine schlaue, aufrichtige und warmherzige Frau. Vor langer Zeit, erzählte sie mir:

„Vier Jahre starrte ich auf Alexanders Hände, wenn er arbeitete, beobachtete, wo genau er sie hatte und was genau er damit tat, während ich mich die ganze Zeit hätte fragen sollen, was in seinem Kopf vorging. Ich hatte diese Eingebung kurz vor meinem Abschluss. Ich entschied an Ort und Stelle, es wäre wohl besser noch ein paare Jahre zu bleiben. Und das tat ich.“

Bill Conable und ich beobachteten unzählige Stunden Marj Barstows Hände. Sie gebrauchte sie den ganzen Tag und erzielte unglaubliche Resultate mit ihnen, Person nach Person. Bill lehnte sich oft zu mir rüber und flüsterte etwas wie: „Marj hat ihre Hände auf beiden Seiten seines Beckens, um ihn über seinen Hüftgelenken zu zentrieren, weil er beim Loslaufen sein Becken nach vorn schob. Siehst du, gerade hat sie gespürt, wie er die Verbindung zum Rücken findet und über seine Hüftgelenke kommt, aber sie sieht, dass er seine Augen senkt und sein Kinn nach unten gegen den Hals drückt. Also wird sie ihren linken Zeigefinger genau in seine Blickrichtung bringen und langsam, wie Yoda, diesen ihren langen Finger aufschweben lassen und seinen Blick mit nach oben bringen. Dann wird sie den Finger nach links aus dem Blickfeld verschwinden lassen und sein Kopf wird sich ein wenig wenden. Jetzt führt sie sein Gewicht über seinen linken Fuß und wird ihn zum Gehen bringen, damit er eine Runde läuft. Aber ich könnte wetten, gerade wenn er wendet, um zu ihr zurückzukommen, wird er ein kleines bisschen in sich zusammensinken und Marj wird sagen: „Ah? Hast du das gemerkt, wie du gerade ein bisschen in dich zusammengesunken bist als du zurückgekommen bist?“ Und jetzt wird sie sagen…“ Und so ging es weiter, ein Live-Kommentar, meistens absolut treffend.

Bill und Barbara Conable, zwei von Marjs ersten Trainees, unterrichteten mich viele Jahre lang auf diese informelle Weise. Sie konnten sehen. Sie wussten, was geschah und warum, und allmählich halfen sie mir zu sehen und zu verstehen, was hinter Marjs scheinbar magischer Fähigkeit steckte, Menschen mühelos zu kraftvolleren und verfeinerten Wegen des Seins und Funktionierens zu führen.

Seit 30 Jahren helfe ich meinen Trainees zu sehen und zu verstehen warum und anderen erfahrenen Lehrern ihre Hände so zu gebrauchen, wie sie es tun.

Nehmen wir dieses Foto oben als Einstieg. Lass uns vorstellen ich unterrichte meine Trainees und du bist mit in der Klasse.

Also. Warum bin ich hinter meiner Person? (Warum, frage ich dich als Leser/ Trainee gebrauche ich das Wort Person statt Schüler? Meistens stelle ich meinen Schülern Fragen, selten gebe ich eine Antwort.)

Also warum bin ich hinter meiner Person?

„Du willst, dass die Gruppe sehen kann.“

„Es macht dich fast unsichtbar, vielleicht kann sie sich so leichter sich selbst und ihrem Instrument widmen.“

„Vielleicht gibst du ihr mit deinem Unterschenkel eine leichte Unterstützung im Rücken.“

Okay? Was funktioniert gut in meiner eigenen Koordination und was könnte besser sein? (Ich bin der Erste, der seinen Schülern sagt, dass mein eigener Gebrauch, der Grad meiner inneren Organisation oft nicht besonders toll ist, dass ich selbst mein langsamster Schüler bin.)

„Dein rechter Arm sieht ein bisschen gehalten aus, nach oben gezogen.“

„Ja. Danke. Wissend, dass es mir hilft. Wo sind meine Hände, wie gebrauche ich sie und was machen sie?“

„Sie sind unter ihren Schlüsselbeinen, genau da, wo das Schlüsselbein in einer Aufwärtskurve verläuft. Es scheint als ob auffängst und nach oben „schöpfst“, durch ihren Körper hindurch, mit mehr Erfolg auf ihrer linken als auf ihrer rechten Seite. Und die Finger auf deiner linken Hand scheinen unabhängiger voneinander zu sprechen, jeder Finger vermittelt seine eigene Botschaft, während die Finger der anderen Hand weniger differenziert wirken. Deine Linke sieht aus wie ein Fingerhandschuh, deine Rechte wie ein Fäustling.“

„Ihre linke Hand wirkt freier, gelöster als ihre rechte Hand.“

„Deine Daumen sind weich und leicht.“

Gut. Du siehst also meine Wahl mich zu meiner Person zu orientieren, wo meine Hände sind, und wie ich sie nutze. Das ist ein Anfang. Wie würdest du die Richtung beschreiben, in die ich die Person zu Bewegung einlade?“

„Offenbar lenkst du ihre Aufmerksamkeit nach innen zu den oberen Rippen und nach oben unter ihren Schlüsselbeinen.“

„Und, gleichzeitig nach oben und darüber hinaus.“

„Was passiert während sie mit mir kommt?“

„Ihr Kopf ruht mehr auf der Wirbelsäule und es ist fast als ob ihre Augen mehr in ihre Höhlen im Schädeln hineinruhen und sie scheint von weit oben auf ihr Instrument herabzuschauen.“

„Sie längt sich auf ihrer Vorderseite ohne auf der Rückseite kürzer zu werden.“

„Sie wirkt fokussiert, ruhig und stark, wie ein Buddha.“

„Sie sieht aus als ob sie nach Berkeley geht und stolz darauf ist.“

Nur vom Sehen, was vermutest du, denke oder fühle ich, um diese Veränderung zu erreichen?

„Du denkst an deinen eigenen Gebrauch.“

Könnte man denken, aber nein. Mache ich nicht, vielleicht sollte ich. Ich denke selten an meinen eigenen Gebrauch, wenn ich arbeite. Wenn ich arbeite, fühle ich mich eher wie ein Musiker in einem Live Jam. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Ich habe viel geübt. Aber jetzt spiele ich Musik. Ich denke nicht an die Noten. Ich versuche nicht gut zu spielen.

„Du denkst an sie.“

Das ist näher dran. Wenn ich wirklich in Bestform bin, dann gibt es kein ich und kein sie. Es gibt nur ein „wir“. Ich denke nicht an mich, nicht an sie. Wir sind in einem Ereignis, in einem Erleben. Wir sind in einer „Überlagerung“. Unsere Kreise überlappen und erweitern sich, in den jeweils anderen und von dem anderen weg. Wir sind zusammen in diesem gemeinsamen Raum. Wir treffen uns. Wir ändern uns zusammen. Wir verändern uns gegenseitig.

Was denkst du fühle ich?

„Es gibt eine gewisse menschliche Wärme, die mir auffällt.“

„Freude.“

Ja und ja. Ich informiere, „innen-forme“ sie, aber gleichzeitig bin ich auch ein Ernährer, ein Heger und Pfleger. Ich verpflege sie, speise und atme sie durch Berührung. Ich helfe sie stark und stolz und leistungsfähig zu machen. Deshalb mag ich es, sie als meine Person zu sehen. Sicher ist sie auch meine Schülerin und sie lernt von mir. Aber Menschen brauchen mehr als Wissen um zu wachsen. Menschen müssen genährt werden.

Auf einer tieferen Ebene ist sie nicht meine Schülerin und ich bin nicht ihr Lehrer. An diesem tiefen Ort wachsen wir in uns hinein und wachsen zugleich über uns hinaus.

Kannst du das sehen?

 

Der englische Originaltext „In That Deep Place“ findet sich auf www.peacefulbodyschool.com

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