Teil I Die Libysche Sibylle – Der kritische Moment

Wenn du einige von großen Figuren an der Decke der Sixtinischen Kapelle näher betrachtest, fällt dir vielleicht etwas Seltsames auf. Eine ganze Reihe von ihnen haben Bücher in der Hand. Es scheint als ob sie lesen wollen. Vielleicht wollte Michelangelo auch lesen, aber hatte keine Zeit.

Als ich Tänzer war wollte ich auch lesen, aber entweder war ich in der Technikklasse oder ich habe geprobt. Ich erinnere mich an einen Autoaufkleber, den ich mal sah, „Ich würde lieber tanzen“. Ich wusste damals sofort, diese Person war kein Tänzer. Wäre sie ein Tänzer gewesen, hätte auf dem Aufkleber gestanden „Ich würde lieber lesen“.

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Es gibt eine Figur an der Decke der Sixtinischen Kapelle, die mich faszinierte, von der ich besessen war, die das Logo der Alexander Alliance wurde – die Libysche Sibylle. Als ich anfing, ihre Darstellung als Logo für die Alliance zu nutzen, fragten sich die Schüler warum, warum sie. Wie ich es oft mache und auch damals tat, beantwortete ich ihre Frage mit einer Frage.

Was denkst du warum?

Sie ist schön.

Sie ist stark.

Sie ruht in sich.

Sie hat einen tollen Rücken.

Sie verkörpert eine Spirale.

Wenn ich den Eindruck habe, meine Schüler haben gesehen, was sie sehen können und es gibt mehr, worauf ich ihre Aufmerksamkeit lenken will, dann mache ich das.

Achte mal darauf, wie Michelangelos Figuren oft androgyn wirken. Ich mag das. Wenn Männer ihre kulturell erworbenen Haltemuster auflösen, fühlen sie sich oft weiblicher. Und wenn Frauen ihre kulturell erworbenen Haltemuster auflösen, fühlen sie sich oft männlicher. Ich führe Menschen weg von ihrem erworbenen Gender-Körper, hin zu ihrem, wie ich es nenne, Säugetier-Körper, den Körper, den Männer und Frauen gemeinsam haben, ihr menschlicher Körper.

Vom Alexander-Standpunkt aus betrachtet, hat die Libysche Sibylle natürlich einen wunderbaren „Monkey“. Oft wenn wir an Alexanders „Monkey“ denken, verbinden wir damit das harmonische Zusammenspiel der Hüft-, Knie- und Fußgelenke beim Beugen. Das ist natürlich ein wichtiges Element davon. Das streben wir an, aber wir wollen, dass dies geschieht während sich der Rücken längt und weitet und seine Kraft so durch die Arme hindurch bis in die Hände entfaltet ebenso wie durch die Wirbelsäule bis zum Kopf. Die Libysche Sibylle verkörpert all das.

Noch etwas liebe ich an der Sybille – ihre Arme. Sie erinnern mich so sehr an Marj Barstows Arme, wenn sie mit uns arbeitete. Marjs Schulterblätter waren weit. Ihre Schultern waren weder nach oben oder unten gezogen oder gehalten, sie waren einfach nach außen und weg voneinander. Ihr Ellbogen und Handgelenke waren artikuliert. Ihre Ellbogen waren immer einen Hauch nach hinten und außen und schufen so Raum zwischen ihren Armen und ihrem Torso während ihre Handgelenke leicht nach innen zur Mittellinie des Körpers und nach vorn zeigten. Es sah alles sehr natürlich und elegant aus. Ihre Hände hatten etwas spielerisch Leichtes und zugleich Kraftvolles. Wirklich, Marjs Arme waren genau wie die der Libyschen Sibylle.

Dann sind da noch diese exquisiten spiraligen Bewegungen durch ihren Körper, die ihr bemerkt habt. Lass uns das mal genauer anschauen. Es gibt eine aufsteigende Spirale und eine abwärts fließende Spirale. Die herab fließende Spirale beginnt mit dem Kopf und den Augen. Etwas hat ihre Aufmerksamkeit erregt. Etwas lenkt ihre Aufmerksamkeit weg von ihrem Buch. Bei der absteigenden Spirale geht es hauptsächlich um die Orientierung; wenn Orientierung anfäng sich zu ändern. Du hörst etwas oder du siehst etwas und deine Orientierung ändert sich. Du kannst diese Spirale auch in einigen der anderen Leser in Aktion sehen. Schau mal nach.

Was ist mit der steigenden Spirale? Von wo wird sie initiiert?

Von ihrem Becken

Tiefer.

Von ihrem linken Fuß.

Tiefer.

Vom Boden.

So wirkt es auf mich; vom Boden und dann in einer Sequenz durch den Körper.

Wenn es bei der herab fließenden Spirale um Orientierung geht, worum geht es bei der steigenden Spirale?

Vielleicht Aktion. Sie hilft ihr das Buch hoch zu halten.

Kraft um zu tun, was sie tut.

Das sehe ich auch so. Vielleicht war sie ganz dem Buch zugewandt und dann hat etwas ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und Michelangelo stellt sie genau in diesem Moment des Übergangs dar.

Warum würde er das machen wollen?

Weil es cool aussieht.

Oh, mit Sicherheit. Der Coolness-Faktor ist sehr wichtig. Die Libysche Sibylle ist eine super coole Figur. Stell dir nur mal vor wie cool die Sixtinische Kapelle war als die ersten Besucher in diesen Raum traten und diese riesigen dreidimensionalen Figuren sahen, die fast aus der Decke zu fallen schienen. Malerei war nicht Michelangelos Ding. Er war Bildhauer. Er wurde gezwungen die Sixtinische Kapelle zu malen. So entwickelte er neue Techniken um seine zweidimensionalen Figuren dreidimensional erscheinen zu lassen.

Vielleicht mochte Michelangelo diesen Moment des Übergangs, weil eine Veränderung stattfindet. Aber du weißt nicht, was sie tatsächlich tut und warum. Es ist mysteriös. Öffnet sie das Buch oder schließt sie es? Was schaut sie an? Was erregte ihre Aufmerksamkeit?

Stimmt. Es passiert etwas. Es gibt eine Aktion. Sie ist in Bewegung. Vielleicht wollte Michelangelo ein statisches Bild in Bewegung bringen. Er malt nicht nur Form, sondern Bewegung, Koordination, Emotion, Drama. Er ist Anatom der Bewegung und Emotion. Er ist ein Geschichtenerzähler.

Genauer betrachtet gibt es nicht wirklich zwei Spiralen. Es gibt nur eine. Stell dir vor du hältst ein nasses Handtuch. Nimm deinen Schal oder deinen Mantel oder ein Handtuch und probier es aus. Halte es mit je einer Hand oben und unten. Dreh deine obere Hand vorsichtig in eine Richtung und gleiche die Bewegung mit deiner unteren Hand aus. Stell dir vor so behutsam zu drehen, dass kein Wasser herausgepresst wird. Wenn wir ein nasses Handtuch auswringen, wird unsere Spirale zu einer Verdrehung. Es entsteht ein Bereich, in dem sich beide Bewegungen entgegenwirken und blockieren, woraus die Verdrehung resultiert. Aber wenn die Spirale sanft genug ist und sie sich durch das gesamte Handtuch bewegt, gibt es keinen Konflikt, keine Blockade – nur eine integrierte spiralige Bewegung in zwei komplimentäre, entgegengesetzte Richtungen.

Die Libysche Sibylle ist für mich die Verkörperung einer Person, die kontrolliert, anmutig, in Würde Momente des Übergangs meistert, die Richtung ändert, die Meinung ändert, sich anpasst, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten, ohne Durcheinander. Dies meint Alexander mit dem „kritischen Moment“, dieses Zeitfenster zwischen einer endenden Aktion und einer beginnenden. Stell dir vor du bist ein Vater oder eine Mutter, der oder die versucht etwas zu tun, zum Beispiel lesen oder kochen oder eine Rechnung bezahlen und deine zwei kleinen Kinder fangen gerade jetzt an sich sehr physisch zu streiten. Wie bist du in diesem Moment des Übergangs? Wie kontrolliert, gelassen, würdevoll kannst du deine Aufmerksamkeit verlagern? Wie passt du dich sich ändernden Umständen an?

Fortsetzung folgt…

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