Teil II Die Libysche Sibylle – Das Verborgene Enthüllen


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Ich vergleiche unsere Libysche Sibylle mit einem Ignudo, eine der zwanzig nackten, muskulösen Figuren in der Sixtinischen Kapelle. Sehen wir uns das genauer an. Von Bruce Fertman

Was siehst du?

Noch eine androgyne Person.

Der Ignudo ist in Panik.

Beunruhigt.

Graut sie vor etwas.

Tieftraurig.

Fühlt sich hoffnungslos.

Vielleicht hört er/sie etwas Unheimliches, fühlt sich bedroht und will sehen, was es ist.

Bilder sind wie Rorschach-Tests. Wir projizieren unser Innenleben auf äußere Bilder. Warum sonst würde wir alle unterschiedlich deuten, was wir sehen?

Also welche physischen, visuellen Anhaltspunkte verraten dir, dass sie so fühlt, wie sie fühlt? Was kannst du tatsächlich sehen?

Ihre Augen sind weit aufgerissen, quellen hervor.

Ihre Augenbrauen und Stirn sind nach oben gezogen.

Ihr Mund steht offen, vielleicht schnappt sie nach Luft.

Super. Was noch. (Ich sage ziemlich oft was noch.)

Ihr Kopf kippt nach hinten und staucht nach unten in die Wirbelsäule.

Ihr rechtes Schulterblatt tritt hervor und ist nach innen zur Mittellinie des Körpers und etwas nach oben gehalten.

Wow, ihr werdet richtig gut.

Jetzt lasst uns mal den Ignudo mit der Libyschen Sibylle vergleichen.

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Die Schulterblätter bewegen sich nach unten und außen um die Rippen herum.

Die Wirblesäule sieht lang aus. Der Hals ist nicht zusammengedrückt oder verkürzt.

Die Augenlider sind leicht gesenkt, Stirn und Brauen entspannt.

Der Mund ist geschlossen.

Der Kopf, statt nach hinten zu kippen, neigt sich ganz leicht nach vorn.

Ja, anstatt über die Schulter zu schauen, indem sie den Kopf zurückwirft, neigt sich der Kopf ein winziges bisschen und die Rotation findet in der Wirbelsäule statt. Beides Varianten über die Schulter zu schauen, aber beide grundverschieden.

Probiert beide Arten aus und schaut mal, ob es etwas daran ändert, wie ihr euch fühlt. Versucht so gut ihr könnt genau das zu machen, was Ignudo und Sibylle machen. Wenn ihr beide Varianten gefunden habt, lasst euch langsam, behutsam und sanft zwischen beiden übergehen.

Sie machen sich ans Ausprobieren. Ich setze mich zurück und beobachte. Ich lerne meine Schüler kennen. Frank Ottiwell, ein weiser Alexander-Lehrer, von dem ich viel gelernt habe, sagt mal zu mir: „Bruce, unsere Aufgabe besteht nicht so sehr darin unseren Schülern zu helfen, sondern sie kennen zu lernen.“

Wie war das?

Das ist erstaunlich. Wenn ich den Ignudo nachahme, werde ich ängstlich. Ich fange an in Panik zu verfallen. Und wenn ich die Libysche Sibylle werde, werde ich ruhig und fühle mich reif.

Viele Köpfe nicken zustimmend.

Alexander stellte fest, dass diese Kopfhaltung einen organisierenden, integrierenden Einfluss, einen steuernden Einfluss auf den ganzen Körper/ das ganze Selbst hat. Und wenn dieses Zusammenspiel des Kopfes mit dem Rest gestört ist, zeigt sich diese Störung im ganzen Körper/ Selbst.

Lasst uns noch mal schauen.

Was siehst du im Körper der Ignudo-Figur?

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Es sieht unbequem und unwohl aus. Der Kopf sieht nach hinten nach rechts, aber der rechte Arm und der Oberkörper drehen nach links, und das Becken kippt nach hinten und sieht schwach aus. Sein Körper sieht blockiert, desorganisiert und verwirrt aus.

Sein Kopf ist vor dem Oberkörper und auch sein rechter Arm. Vielleicht um ein Gegengewicht zu seinen nach hinten fallenden Oberkörper zu schaffen.

Er wirkt gestaucht und eng in seiner Brust und im Bauchbereich, und sein mittlerer Rücken scheint mit viel Kraft nach hinten zu drücken.

Wenn ich die Figur betrachte, bemerke ich, dass ich meinen Atem halte.

Warum denkt ihr, wähle ich gelegentlich Kunst, um etwas über den Körper zu vermitteln, anstatt rein anatomischer Abbildungen?

Weil sie schön aussehen?

Weil manche beim Betrachten von Skelett-Abbildungen etwas befangen werden?

Leute ohne akademische Bildung oder Interessen können eingeschüchtert werden, im Sinne von – das wird jetzt richtiges Studieren komplizierter Zusammenhänge, vielleicht noch mit einem Test am Ende.

Es sind Bilder von Menschen, die nicht lebendig sind, nicht ganz, nicht lebend.

Ja. Und weil ich möchte, dass ihr zuallererst die Schönheit einer Person erkennt. Ich habe in 35 Jahren noch keine Person gesehen, die nicht schön war. Und in der Regel je heruntergekommener und fertiger desto schöner. Und hinter dieser Schönheit möchte ich, dass ihr das Menschsein einer Person erkennt. Und erst danach möchte ich, dass ihr euch mit der körperlichen Struktur einer Person beschäftigt.

Bei Alexanders Arbeit, so wie ich sie verstehe, geht es nicht vorrangig darum, wie wir unseren Körper gebrauchen. Es geht darum, wie wir sind in uns selbst. Deshalb möchte ich, dass ihr zuerst eine Person seht, wie eine Person ist, wie eine Person in sich ist, in ihrer Ganzheit. Michelangelo konnte das. Tiefgehend.

Vielleicht seht ihr jetzt, warum ich mich in die Libysche Sibylle verliebt habe und warum ich sie als Schullogo gewählt habe.

Es wird gesagt, sie habe die Macht „zu enthüllen, was verborgen ist.“ Vielleicht wendet sie sich uns zu, das große Buch für uns öffnend und lädt uns ein zu lesen und zu lernen.

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